22. August 2022

Wo die Seele baumeln kann

Kann es in diesen Zeiten überhaupt noch echte Auszeiten geben? Einen Hochsommer, in dem die Tage zu einem einzigen guten Gefühl verschmelzen und das Wesentliche mit all seiner Schönheit spürbar wird? Angesichts der äußeren Bedrängnisse der letzten 2,5 Jahre glaubte ich es ehrlich gesagt nicht mehr, bis ich es bei unserem alljährlichen Bergsommer an unserem Familienkraftort doch wieder erleben durfte.

Ich bin unendlich dankbar für diese langen drei Wochen, in denen ich alle Sorgen loslassen und zu neuen körperlichen und seelischen Kräften kommen konnte. In dieser Zeit veränderte und verbesserte sich zwar nichts im Außen, aber sie machte mir das Geschenk der Zuversicht, dass es immer einen Gestaltungsspielraum in meinem Herzen gibt, der jede Zeit zu einer guten Zeit machen kann, verbunden mit allem, was mir wichtig und wesentlich ist.

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10. August 2021

Zeit für Wolken

Unser zehnter Sommer in den Bergen. Mit einem Jahr Unterbrechnung kommen wir seit elf Jahren an diesen wunderschönen Ort, dieses Jahr zum ersten Mal zu zweit.

In Zeiten wie diesen sind drei Wochen auf 1550 Meter Höhe mit über hundert Ziegen und Menschen, die über die Jahre zu Freundinnen und Freunden geworden sind, eine echte Auszeit und Zuflucht für Herz und Seele. Jahr für Jahr dort Willkommen geheißen zu werden, tiefer eintauchen und diesen Ort mit leben zu dürfen, ist die beste Medizin. Und immer wieder beginnt es von Neuem.

Knietief in Wildblumen versinken. Das Anschwellen der Grashüpfergesänge in der Mittagshitze. Baden im Gebirgsbach. Und danach auf den großen warmen Steinen entspannen. Nackt in der Natur sein. Sieben Mal ein neues Buch beginnen. Heidelbeeren für das Geburtstagsfrühstück sammeln. Heidelbeerpfannkuchen! Ziegenfrischkäse, wie es ihn frischer nicht gibt. Ein honiggoldener Vollmond in meiner Geburtstagsnacht. Nussschnaps mit der Nachbarin trinken und die neuesten Geschichten vom Berg hören. Beim Rommé gewinnen, beim Rommé verlieren. Die Augen nach Murmeltieren offen halten. Wieder ein paar Worte Italienisch dazulernen. Wenn jemand Gitarre spielt. Die beste Pizza der Welt. Leben. Lachen. Beisammen sein. Zeit für Wolken. Viel Regen. Viele Regenbogen. Nach lautstarkem Gegacker ein frisch gelegtes Ei finden. Einmal bis auf die Unterwäsche nass werden. Wenn nach fünf Tagen Dauerregen zum ersten Mal die Sonne wieder scheint. Der Geruch von frisch gemähtem Gras, von Harz aus dem Wald, von Holzasche in der Luft. Diese wunderbare Trägheit. Dieser faszinierende, riesige Raum der Bergzeit.

Nächstes Jahr wieder.

Und wieder und wieder.

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13. August 2020

Schön seid ihr hier

Schön, so begrüßt zu werden, Jahr für Jahr für Jahr. Und schön zu wissen, dass wir immer wiederkommen werden und dies ein Ort der Zuflucht für Herz und Seele ist, gerade in Zeiten wie diesen.

Trotz gedämpfter Grundstimmung hatte dieser Sommer seine Momente und zwar ganz schön viele: Frisch bezogene Betten bei der Ankunft. Ein Strauß Wiesenblumen auf dem wurmstichigen Tisch. Ein Willkommensbrief von Freunden aus Basel, die wir um einen halben Tag verpasst hatten. Der Duft von Holzasche. Wenn das Alphorn tönt. Kleidung tragen, die ich nur hier trage. Dass es an meinem Geburtstag Bindfäden regnete. Blaubeerpfannkuchen zum Frühstück. Blaubeerenblaue Finger. Mittagsschlaf bei Regengewitter. Eine bunt behangene Wäscheleine. Die sanfte Leichtigkeit am Abend nach einem besonders heißen Tag. Pizza aus dem Holzbackofen. Nussschnaps bei der Nachbarin. Fleur, unsere liebste Geiß, die schon genauso lange wie wir Sommer für Sommer auf den Berg kommt (zehn Jahre sind es jetzt). Ein Geburtstagsfeuerwerk (jedoch nicht für mich). Heidelbeeren mit Schlagsahne. Die Abende, an denen wir die Ziegen aus dem Stall führen durften. Und wie sie Morgen für Morgen und Abend für Abend eine nach der anderen den schmalen Pfad Richtung Wiese entlang trippeln. Ein unverhofft berührendes Stück auf der Gitarre. Das Kartenspiel lernen, mit dem sich die Jugendlichen die Zeit vertreiben. Ihr Lachen und ihre Musik durch das ganze Dorf hören. Katzenbabies! Auf den ersten Blick eine Sternschnuppe am Nachthimmel entdecken. Und am nächsten Abend ein einzelnes Glühwürmchen auf seinem Flug beobachten. Die Menschen hier, unsere Freunde. Lagerfeuer, ein Licht in der Dunkelheit und wissen: Alles ist gut.

Zurück in Berlin wieder dieses Ziehen im Herzen. Was wird? Wird es gut? Wer will ich sein in dieser Welt und wofür stehe ich?

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18. Oktober 2019

La settimana geniale

Vier Tage Neapel, eine geniale Woche, alles andere als erholsam, dafür voller Eindrücke und Erlebnisse, Farben, Bilder und Genüsse fernab von unserem Alltag in Berlin. Für Neapel braucht man gute Nerven, bekommt aber neue Perspektiven auf das Leben, auf Wohlstand und unser Miteinander. Holla, die Waldfee! – was für eine verrückte Stadt!


12. August 2019

Im Herzen des Sommers (und ein Rezept zum Sommersammeln)

Sommer, schönste Zeit, Zeit der Leichtigkeit, aber auch der Tiefe und des intensiven Empfindens, seit neun Jahren immer wieder an diesem Lieblingsort. Dort oben wird ein schweres Herz weich, Gedanken, die sonst nur schweifen oder kreisen, bekommen Auftrieb, aus Sonnenlicht werden Visionen geboren und das Blaue vom Himmel wird noch dicker gemalt. Hoch denken, tief fühlen. Die Ferne so nah spüren. Und dabei immer gut geerdet sein.

Der Atem frischer Kräuter. Der Weg durch das Gras, von Heuschrecken gesäumt. Eine Blumenwiese, die mitten ins Herz geht. Pfifferling-Leuchten. Das Pfeifen der Murmeltiere. Unendliche Weite. Ziegenglockengeläut. Der Duft von frisch gemachtem Heu, würzig, warm und schwer. Auf die Berge schauen, über die Berge hinweg, als gäbe es kein Morgen. Kleine Walderdbeeren, so süß und intensiv. Wiedersehen mit alten Freunden, den Menschen des Dorfes und solchen, die wie wir jedes Jahr wiederkommen. Eine Umarmung zu Begrüßung, so fest und herzlich, wie ich sie lange nicht erlebt habe. Draußen schlafen. Ein unfassbar schöner Sternenhimmel. Stille. Laufen. Innehalten. Endlich Regen und Gewitter. Und was für eins! Frisches Brot und Pizza aus dem Holzbackofen. Alle Jahr wieder mein Geburtstagslied auf Italienisch. Ein Zelt zwischen Blaubeersträuchern. Kaffee vom Campingkocher. Auf kleinen Schemeln im Stall sitzen und beim Melken zuschauen. Ein Jodel-Konzert bei Kerzenlicht in der kleinen Kirche. Einen Abend lang nichts weiter tun, als die Schatten der Berge länger und länger werden zu sehen. Und auch die Gedanken länger werden lassen. Unter Laias Fenster sitzen und ihr beim Singen und Gitarrespielen zu hören (sie hat die Stimme eines Engels). Ein unvergesslicher Abend mit dem Alp-Team, Wein und Käse und drei verschiedenen Sprachen. Staunen, was für tolle, einzigartige, lebensmutige, lustige Jugendliche aus den Kindern geworden sind. Ihre Musik hören, ihr Lachen, ihr Miteinander. Genießen, wie die Zeit vergeht und zu wissen, dasss ich mich hier immer zu Hause fühlen werde. Und dann wieder Abschiedsweh.

Als wir den Berg nach drei Wochen wieder hinabsteigen, spüre ich: Ich bin zu Hause, in meinem Körper, in meinem Herzen, auf der Erde und in der Gemeinschaft mit allen Wesen. Leben ist Freude, aber auch Leid, viel Leid. Uns getrennt und mit unserem wechselhaften und unkontrollierbaren Leben im Widerstand zu fühlen, gehört zu fest zur menschlichen Prägung und ist Ursprung von viel Schmerz, das ist auch meine Erfahrung. Umso wichtiger, schöner und tröstlicher ist es, dass an diesem besonderen Ort im Tessin Jahr für Jahr Vertrauen wachsen darf, in mich selbst, in das Leben, und damit die Gewissheit, mit dem umgehen zu können, was auf mich zukommt. Das ist die Zuflucht des Herzens.

Und ich freue mich, wieder zurück zu sein.

Goldmelissensirup

40 g oder 7 g getrocknete Blütenblätter
2 l Wasser
2 kg Rohrohrzucker
2 Bio-Zitronen
Flaschen mit Twist-Off- oder Bügelverschluss

Die Zitronen in Scheiben schneiden und mit den Blütenblättern in einen großen Topf geben. Das Wasser zum Kochen bringen, den Zucker einrühren und auf die Zitronenscheiben und die Blütenblätter gießen. 24 bis 36 Stunden ziehen lassen und anfangs öfter umrühren, damit sich der Zucker vollständig auflösen kann. Die Flüssigkeit filtrieren und aufkochen.

In der Zwischenzeit die Flaschen gut waschen, mit heißem Wasser sterilisieren und warm halten. Den heißen Sirup einfüllen und sofort verschließen. Haltbar bis zur Goldmelissenblüte im nächsten Jahr.

Mehr Rezepte findet ihr hier und mehr aus der Ferne hier.