13. November 2017

Bücher: „Künstler machen Puppen für Kinder“ von Ulrike Zeit

Als ich vor zwölf Jahren mit der Puppenmacherei begann, fiel mir nach kurzer Zeit das Buch „Künstler machen Puppen für Kinder“ von Ulrike Zeit in die Hände. Ein Glücksfall, denn nach allem, was ich bis dahin zu dem Thema gelesen und gesehen hatte, wurde ich das Gefühl nicht los, dass es über das praktische Handwerk und die Impulse aus der Waldorfpädagogik hinaus doch mehr geben müsste, war auf der Suche nach einer kunst- und kulturgeschichtlichen Einordnung. Ich wollte alles über das Puppenmachen erfahren, wie es sich entwickelt hat und auch wo die Grenze zur Kunst verläuft, das war anfangs ein großes Thema für mich, jetzt nicht mehr. Antworten auf all meine Fragen fand ich in diesem bemerkenswerten Buch.

Ausgehend von einem neuen Begriff der Künstlerpuppe, bei dem es – im Gegensatz zum bloßen Sammelobjekt, das künstlerisch gestaltete Puppen bis dahin hauptsächlich waren, – um die Verwirklichung der Idee vom künstlerischen Gebrauchsgegenstand geht, spannt die Autorin einen weiten Bogen von den Reformpuppen des Münchner Kreises um Marion Kaulitz von 1908, über Käthe Kruse, Sasha Morgenthaler, Lotte Sievers und vielen mehr hin zu Elisabeth Pongratz, einer zeitgenössischen Puppenkünstlerin, die das Buch maßgeblich inspiriert und viel Material zur Verfügung gestellt hat.

All diese Puppenmacherinnen hatten gemeinsam, dass sie dem spielenden Kind eine feinfühlend gestaltete Puppe in die Hände geben wollten. Diese Idee war damals etwas ganze Neues. Sie war beeinflusst von verschiedenen Reformbewegungen um die vorletzte Jahrhundertwende etwa in der Pädagogik, Naturheilkunde und Architektur, bei denen es darum ging, die Kunst ins Leben zu tragen. In dieser Zeit entstand auch das Berufsbild des Designers, der industrielle Serienerzeugnisse mit einer zeitgemäßen, künstlerischen Form verbinden sollte. Diese Entwicklung betraf auch die Spielzeugherstellung. So wurden Puppenmacherinnen künstlerisch arbeitende Handwerkerinnen, die sich an der Realität der fabrikmäßigen Massenproduktion orientierten und gestalterische Konzepte für maschinell vervielfältigungsfähige Formen und Materialien entwickelten. Auch in der Puppenherstellung galt es, Funktionalität, Natürlichkeit und Schönheit zu verbinden und den Kindern Puppen mit Charakter und Individualität zum Spielen und Liebhaben zu geben.

Von diesem Geist sind auch die Puppen inspiriert und durchdrungen, die Puppenmacherinnen heute herstellen. Es gibt in dem Buch einen Abschnitt mit dem Titel „Puppenmachen als Handarbeit“ mit einem direkten Bezug. Darin geht es um die Pädagogin Ruth Zechlin, einer Wegbereiterin der Bauhaus-Idee für den Werk- und Handarbeitsunterricht. Sie war die erste, die Anleitungen zur Herstellung von Puppen und Kleidung schrieb und war überzeugt davon, dass jeder bis zu einem gewissen Grad selbst eine Spielpuppe mit einem individuellen Ausdruck anfertigen könne. So entwickelte sie die Grundlagen für das, was später die klassische Waldorfpuppe werden sollte.

Das Buch endet mit einem ausführlichen Kapiel über Elisabeth Pongratz, die 1979 begann, gewerblich Puppen zu machen. Sie bezeichnet ihre Puppen als „Neue Münchner Künstlerpuppen“ und erinnert damit an Marion Kaulitz, mit deren Arbeit 70 Jahre zuvor die Puppenreform begonnen hatte. Wieder geht es darum, einen künstlerisch gestalteten Gebrauchsgegenstand herzustellen, der aus der Perspektive des Kindes gedacht ist, immer der Frage folgend, welche Fantasiekräfte sich mit der Puppe anregen lassen. Auch Elisabeth Pongratz entscheidet sich bewusst für reproduzierbare Puppen und wählt für dafür den Werkstoff Holz. Bis heute stellt sie im Familienunternehmen ihre Künstlerpuppen her, die auf der ganzen Welt Anklang finden.

Diese Frage nach den Fantasiekräften ist auch für Puppenmacherinnen von heute ein wichtiger Leitstern. Zudem darf die Herstellung von Puppen in Handarbeit auch als Reaktion auf die industrielle Massenware verstanden werden, die kaum imstande ist, die Vorstellungskraft und Gefühlswelt der Kinder anzuregen, ganz abgesehen von den unnatürlichen Materialien und den Umständen, unter der sie in der Regel angefertigt wird. In diesem Sinne knüpfen gewerbliche Puppenmacherinnen heute direkt an die Reformideen von damals an, nur dass heutzutage vor allem Einzelstücke und kaum reproduzierbare Serientypen angefertigt werden, so dass die künstlerisch gestaltete Puppe auf dem Spielzeugmarkt eher eine Nische ausmacht.

Das Buch ist leider nur noch antiquarisch erhalten. Deshalb freue mich umso mehr, dass ich vor einiger Zeit eine Ausgabe zum Verlosen unter meinen Leserinnen und Lesern aufgestöbert habe. Das Buch ist nicht tiptop erhalten, hier und da finden sich kleine Liebesspuren, aber es ist immer noch in einem guten bis sehr guten Zustand. Wenn ihr es gewinnen möchtet, schreibt bis Dienstag Nacht an hello@mariengold.net. Viel, viel Glück!

Ulrike Zeit: Künstler machen Puppen für Kinder. Von Marion Kaulitz bis Elisabeth Pongratz, Verlag Puppen und Spielzeug, ISBN: 3874631915, nur noch antiquarisch erhältlich.

(Die Gewinnerin des Buches ist Andrea.)


20. September 2017

Bücher: „Holz!“ von Max Bainbridge

Holz!, in diesem Buchtitel kommt es gleich mit Ausrufezeichen daher. Das passt eigentlich gar nicht zu dem schlichten, natürlichen Material, das niemals laut ist, sondern lieber flüstert und das wundersam zärtlich. Aber der Autor ist verliebt und ruft es in die Welt hinaus. Das kann ich gut verstehen. Denn ich mag Holz auch sehr, sehr gern.

Alles an Holz ist faszinierend, sein Duft, die Textur, Maserung, Farbe. Holz ist warm und geschmeidig, lebendig und geduldig, fest und stark und gleichzeitig weich und man kann unglaublich viel damit machen. Holz an sich ist nicht nur wunderschön, sondern es lässt wie eine gute Seele auch die Dinge und Menschen, die es umgibt, auf das Schönste erstrahlen. In dem Material steckt das ganze Wunder der Natur, das sieht man und das spürt man, vor allem wenn es mit viel Liebe bearbeitet und gestaltet wird.

Meine Begeisterung für Holz wurde so richtig entfacht, als ich vor zehn Jahren unter Anleitung von Cornelius Wruck eine pentatonische Kinderharfe schnitzte. Meine Tochter war gerade in den Kindergarten gekommen und an den Vormittagen in Cornelius‘ Werkstatt erlebte ich zum ersten Mal die Freude, mich stundenlang in sinnliches, handwerkliches Tun zu vertiefen, was mein Leben und meine Arbeit für Jahre prägen sollte. Von Cornelius habe alles über Holz gelernt, wie man es schnitzt und zum Klingen bringt, auch über Hingabe und Meisterschaft.

Ein paar Jahre später, ich war schon Puppenmacherin mit Leib und Seele, ging es mir ganz ähnlich, als ich einen Schnitzworkshop bei Jürgen Maaßen auf Hof Lebherz besuchte, in dem mein Holzköpfchen entstand, das ich in der diesjährigen PuppenMITmacherei zu einer ganzen Puppe vervollständigen möchte.

In dem Buch „Holz!“ von Max Brainbridge erkenne ich wie damals bei meinen Lehrern die gleiche Sorgfalt, Fachkenntnis und Liebe zu Material, Handwerk und Gestaltung. Nicht nur ist es wunderschön anzusehen mit großartigen Bildern und einem ansprechenden Layout, es vermittelt auch umfassendes und tiefes Wissen zu allen Aspekten des Schnitzens: Beschaffung und Auswahl des Holzes, Holzarten, Werkzeuge, Schnitt-Techniken mit dem Messer, Schritt-für-Schritt-Abbildungen für verschiedene Projekte wie Esslöffel, Buttermesser, Pfannenwender, Kaffeelot oder Schneidbrett, Oberflächengestaltung, Werkzeugpflege und Bezugsquellen.

Das Buch ist Augenschmaus und Inspirationsquelle, Wegweiser und Nachschlagewerk. In unserer schnelllebigen Zeit schaltet es auf Ruhe, begeistert für ein traditionelles Handwerk und den Minimalismus des Nützlichen und ermutigt zum schöpferischen Umgang mit Holz, jenem Material, das wie kein anderes erdet, mit der natürlichen Lebendigkeit verbindet und für die Unvergänglichkeit des gegenwärtigen Moments steht.

Wie immer verlose ich mein Rezensionsexemplar. Wenn ihr gewinnen möchtet, schickt bis Donnerstag Nacht ein E-Mail an hello@mariengold.net. Viel Glück!

Übrigens, auch Caro von NATURKINDER, meine Partnerin in der PuppenMITmacherei, liebt Holz und schnitzt gern. Hier stellt sie ihre Lieblingsbücher vor und hier bietet sie wunderschöne Kunstgrußkarten zum Thema an.

Max Bainbridge: Holz! Schnitzen – Traditionell und Urban, Haupt Verlag, ISBN: 325860164X, 26 Euro.

(Die Gewinnerin des Buches ist Anja.)


28. Juni 2017

Bücher: „Herzensbildung“ von Christiane Kutik

Herzensbildung. Was für ein wunderbares Wort. Es stammt aus der deutschen Klassik und wurde auch von Friedrich Schiller und Johann W. Goethe verwendet. Damals galt das Herz als Sitz der Gefühle und des Gemüts und auch heute noch verwenden wir Ausdrücke und Zeichen, die von dieser Verortung erzählen: Wer sich freut, dessen Herz macht einen Sprung. Dinge, denen wir uns hingebungsvoll widmen, gelten als Herzensangelegenheiten. Verliebte verschenken Schokolade in Herzform. Bei Liebeskummer bricht einem das Herz. Bei Angst rutscht es in die Hose. Und wenn wir wahrer Schönheit begegnen, öffnet sich auch unser Herz.

Heute wird der Begriff mit „Emotionaler Intelligenz“ übersetzt. Darunter versteht man den Umgang mit Gefühlen und deren Einschätzung bei sich selbst und anderen. Kann man das lernen? Lässt sich das Herz wirklich ausbilden? Und wie würde so eine Gefühlsschule aussehen?

Diesen Fragen widmet sich Christiane Kutik, Coach für Erziehungsfragen, Trainerin und Autorin, in ihrem aktuellen Buch „Herzensbildung“, das 2016 im Verlag Freies Geistesleben erschienen ist.

In unserer modernen Gesellschaft, in der immer mehr relativiert, nivelliert und infrage gestellt wird, fällt es oft schwer, Kindern grundlegende Werte zu vermitteln. Dabei brauchen gerade Kinder solche Orientierungspunkte, die ihr Selbstvertrauen stärken und es ihnen ermöglichen, gesunde Beziehungen zu ihren Mitmschen und ihrer Umwelt aufzubauen. Christiane Kutik beschreibt, welche Werte das in erster Linie sind und wie man sie im Erziehungsalltag, ohne Zwang, aber authentisch und aufrichtig anlegt.

Kinder orientieren sich unmittelbar am Handeln und an der Haltung der Erwachsenen. Diese haben daher eine unangefochtene Vorbildfunktion. An konkreten Situationen mit Kindern zeigt das Buch exemplarisch, wie eine gelungene Vermittlung fundamentaler Werte aussehen kann.

Zu diesen Werten zählt die Autorin Geborgenheit, Selbstachtung, Mitgefühl, Konfliktfähigkeit, Eigenständigkeit, Wertschätzung, Wahrhaftigkeit, Weltinteresse, Seelennahrung, Schönheitssinn, Naturverbundenheit sowie Humor und Heiterkeit. Jedem ist in diesem Ratgeber ein ausführliches Kapitel gewidmet. Die Sprache ist klar, warm und leicht verständlich. Dazu gibt es auch ein paar Bilder, glaubwürdig und mitten aus dem Alltag mit Kindern.

Auch wenn meine Tochter schon ziemlich groß ist und ich schon lange nicht mehr zu Ratgebern greife, habe ich das Buch unheimlich gern gelesen. Die Herzensschule kann man ein Leben lang besuchen. Es loht sich. Immer wieder geht es um die Frage, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen, aber auch mit uns selbst, wie gute Kommunikation gelingt und wie wir unsere eigenen Gefühle und die der anderen wahrnehmen und beeinflussen können, um möglichst echt, frei und friedlich miteinander zu sein.

Wie immer verlose ich mein Rezensionsexemplar. Wenn ihr gewinnen möchtet, schreibt bis Sonntag Nacht an hello@mariengold.net. Viel Glück!

Christiane Kutik: Herzensbildung. Von der Kraft der Werte im Alltag mit Kinder, Verlag Freies Geistesleben, ISBN: 3772527442, 18,90 Euro.

(Das Buch gewonnen hat Nicola.)


21. Februar 2017

Bücher: „Ziegenmaserrötelpeter“ von Eva Wikander

Schön doof, so ein verregneter Sonntagmorgen. Als Anna aufwacht, gießt es in Strömen und der Himmel ist grau. Zum Glück sind da noch ihre Freundin Elinor, die bei ihr übernachtet hat, und die Puppen in der Ecke. Obwohl die heute irgendwie so langweilig aussehen. Aber was ist das? Ein roter Fleck auf Mathildas kleiner Nase. Das müssen die Röteln sein. Jetzt ist auch Elinor hellwach. Zusammen kurieren die gewitzten Puppendoktorinnen nicht nur diese Krankheit, sondern auch noch Windpocken, Masern, Ziegenpeter. Und schließlich muss sogar der Blinddarm raus.

Das ist in aller Kürze die Geschichte von „Ziegenmaserrötelpeter“ von Eva Wikander, die mir eine Leserin und Puppennähverliebte, Kerstin aus Mittenwalde, kürzlich empfohlen hat. Ende letzten Jahres bekam ich Post von ihr, einen dicken Umschlag mit einem lieben Brief, Bildern ihrer selbstgemachten Puppen und einer Kopie des Buches. Dazu schrieb sie: „Im Original mit Farbe natürlich noch schöner. Meine Kinder und meine Nichte haben sich jedes Mal köstlich amüsiert, wenn ich die Geschichte vorlas.“

Natürlich habe ich mir das Buch noch in Farbe besorgt, antiquarisch, da es leider nicht mehr aufgelegt wird, und es nicht bereut. Denn nicht nur die Geschichte ist wahnsinnig lustig, auch die Illustrationen von Lisa Örtengren sind so richtig zum Schmunzeln und Glücklichmachen, ob an einem verregneten Sonntag oder wenn man selbst krank ist. Lachen ist eben die beste Medizin.

Liebe Kerstin, leider habe deine Adresse nicht. Deshalb möchte ich mich auf diesem Weg ganz herzlich für deine Buchempfehlung bedanken. Damit hast du mir eine große Freude gemacht.

Jetzt habe ich zwei Exemplare, eins in Farbe und eins in Schwarz-Weiß. Letzteres möchte ich gern als Erinnerung behalten. Das andere Buch verlose ich. Wenn ihr es gewinnen möchtet, schreibt bis Donnerstag Nacht an hello@mariengold.net. Viel Glück!

Eva Wikander und Lisa Örtengren: Ziegenmaserrötelpeter, Ravensburger Buchverlag, ISBN: 3473334693, nur noch antiquarisch erhältlich.

(Die Gewinnerin des Buches ist Gesine.)


12. Dezember 2016

Bücher: „Holly & Ivy“ von Margret Rumer Godden

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Als meine Tochter noch klein war, war die Geschichte von „Holly und Ivy“ von Margaret Rumer Godden eine unserer liebsten in der Vorweihnachtszeit und nicht nur dann. In dem Buch geht es um Zuhause, Familie und die Kraft der Wünsche.

Da ist das Waisenmädchen Ivy auf der Suche nach seiner Großmutter, die in der kleinen Stadt zu finden sie ganz sicher ist. Da sind die Jonesens, die sich nichts sehnlicher wünschen, als Weihnachten mit einer Tochter oder einem Sohn zu verbringen. Und da ist die Puppe Holly, die ungeduldig im Schaufenster auf das Kind wartet, das sie zum Leben erweckt. Am Ende gehen natürlich alle Wünsche in Erfüllung und auf dem Weg dahin passiert ganz viel Liebe.

Das Buch ist herzerwärmend und passt wunderbar in diese Lichterzeit voller Wunder. Bebildert wurde es von Maren Briswalter, einer meiner liebsten Illustratorinnen, die stets einen ganz zarten, leisen und berührenden Pinselstrich macht und so die Geschichte bestens begleitet.

Als Puppenmacherin mag ich besonders den Aspekt, dass die Puppe Holly auf ihr Kind wartet und nicht andersherum. Dieser Perspektivenwechsel spiegelt meine Erfahrung wieder, dass es nicht nur das Kind ist, das sich seine Puppenfreundin oder seinen Puppenfreund aussucht, sondern dass auch die Puppe jemand ganz Besonderen finden möchte, der oder die zu ihr passt. Denn zu einer Herzensverbindung gehören immer zwei.

Margret Rumer Godden: Holly & Ivy, Verlag Urachhaus, ISBN: 3825175731, 14,90 Euro.


17. Oktober 2016

Bücher: „Kiki & Coco in Paris“ von Nina Gruener

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Paris, du Wunderwunderschöne! Wer möchte nicht einmal mit duftendem Croissant und dampfendem Café au Lait am Ufer der Seine sitzen, in Ringelshirt und Baskenmütze durch Montmartre spazieren, sich in der französischen Sprache verlieren, ohne ein Wort zu verstehen, auf den Stufen der Sacre-Coeur in die Abendsonne blinzeln, im Jardin du Luxembourg eine Runde auf dem Karussel drehen, die Nase an Schaufenstern plattdrücken, dein Lichtermeer in der Nacht bestaunen.

Paris ist Inspiration pur. So ging es auch dem Trio Nina Gruener, Stephanie Rausser und Jess Brown, die bereits für „Lulu & Pip“ zusammengearbeitet haben, einem Buch über ein Mädchen und seine Puppe, ihren Sommer auf dem Land, Freundschaft und Freiheit und das gute, einfache Leben. Die Puppe Pip ist eine original Jess Brown Rag Doll, eine einfache Puppe aus Leinenstoff, die in ihrer Zerliebtheit ganz wunderbar ist und das Buch mit seinen federleichten Worten und den grandiosen Bildern zu etwas ganz Besonderem macht.

So eine Rag Doll aus den Händen von Jess Brown und sein Mädchen fühlen sich auch in der Stadt wohl. Davon erzählt „Kiki & Coco in Paris“, das zweite Werk des Dreamteams aus Autorin, Fotografin und Puppenmacherin.

Kiki geht mit ihrer Puppe Coco auf auf große Reise nach Paris. Dafür müssen sie lange mit dem Flugzeug fliegen. Auf der anderen Seite des Ozeans erwartet die beiden die vielleicht schönste Stadt der Welt, die es gemeinsam zu entdecken gilt. Erst spielen sie Verstecken in ihrem Apartment, veranstalten eine Teepartie und machen Kopfstand an den hohen Flügeltüren. Dann geht es hinaus auf die Straßen von Paris, in Museen und Parks, auf den Eiffelturm und sogar zu einem echten Coiffeur Francais. Paris ist überwältigend und bunt und trubelig und großartig. Da tut eine Pause im Café gut. Und dort geht Coco verloren. Es tauchen noch ein Hund und eine Puppenmacherin auf und schließlich sind Kiki und ihre Puppe wieder zusammen: Just as Paris was made to sparkle, Kiki and Coco were made for each other.

So einfach die Geschichte ist, so sehr geht sie auch ans Herz. Die Autorin Nina Gruener findet die richtigen Worte, um Paris durch die Augen eines Kindes zu sehen und die feste Liebe für seine Puppe zu spüren. Die Bilder von Stephanie Rausser leuchten vor Ideen, Details und Lebendigkeit. Und dass ich ein Fan der Jess Brown Rag Dolls bin, wisst ihr längst.

Wie ihre Puppen hergestellt werden, zeigt die Designerin in dem Buch „The Making of a Rag Doll“, das wie „Kiki & Coco“ bisher nur auf English erhältlich ist. Und in der aktuell laufenden PuppenMITmacherei könnt ihr meiner Partnerin Caro von NATURKINDER und mir dabei zuschauen, wie wir uns selbst an so einer Puppe versuchen.

Nina Gruener: Kiki & Coco in Paris, Cameron + Company, ISBN: 0918684501, ca. 18 Euro.


29. August 2016

Bücher: „The Making of a Rag Doll“ von Jess Brown

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Wenn ich die Bücher für meine Buchvorstellungen fotografiere, suche ich mir immer meine Lieblingsseiten aus. Bei den Werken von Jess Brown ist das schwierig, denn ihre Bücher stecken voller Lieblingsseiten. Das habe ich schon letztes Jahr festgestellt, als ich mich für ein paar Seiten aus „Lulu & Pip“ entscheiden musste. Erinnert ihr euch? In dem Buch geht es um Lulu und ihre Puppe Pip, um ihren Sommer auf dem Land, um Freundschaft und Freiheit und das gute, einfache Leben. Die Puppe Pip ist eine original Jess Brown Rag Doll, eine einfache Puppe aus Leinenstoff. Nicht besonders schön, aber sehr geliebt. Das sieht man, das spürt man und das macht sie zu einem echten Herzensding in einer federleichten Geschichte mit grandiosen Bildern.

Entworfen hat die Puppe die amerikanische Designerin Jess Brown. Sie folgt damit einer langen Tradition von Rag Dolls, zu Deutsch „Stoffpuppen“, die sie auch als Modern Heirlooms bezeichnet, also „zeitgemäße Erbstücke“, denn diese handgemachten Lieblinge werden von Generation zu Generation weitergegeben. Anders als in den USA ist diese Puppenart in Deutschland nicht so sehr bekannt, was vielleicht an dem starken Einfluss der Waldorfpädagogik auf die hiesige Stoffpuppenmacherei liegen könnte. Mein Eindruck ist, dass sich das gerade ändert. Nicht nur ist in den letzten Jahren aus der typischen Waldorfpuppe eine frei gestaltete Künstlerinnenpuppe aus den gleichen Materialien, aber mit neuen Techniken und Ausdrucksformen für mehr Detailreichtum und wirklichkeitsnahe Darstellung hervorgegangen. Auch erscheinen mehr und mehr andere Stoffpuppenarten, die in ihrer Erscheinung eher vom Grafischen, von der Illustration herkommen und mit dem Abstrakten, Skizzenhaften, Comicartigen spielen. Dazu gehören für mich auch die Rag Dolls von Jess Brown.

Auf den ersten Blick sehen sie ganz einfach aus. Sie werden aus nur wenigen Materialien, mit simplen Techniken und ohne viel Zeitaufwand angefertigt. Dafür braucht man kein perfektes Händchen, sondern das gelingt auch ohne Vorkenntnisse und besonderes Geschick. Diese Schlichtheit aber dient der Designerin als Spielfläche, um in den Details aus jeder einzelnen Puppe eine eigene kleine Persönlichkeit zu machen. Mit einfachen Mitteln – mal ist es ein antiker Leinenstoff mit einer besonderen Struktur für den Körper, mal ein Malerhut aus Zeitungspapier oder Haar aus fuchsrotem Kaschmirstrick – erschafft sie individuelle Charaktere, die zu entdecken – und ganz bestimmt auch mit denen zu spielen – viel Freude macht.

Jess Brown stellt diese Puppen nicht nur selbst her, sondern sie hat auch ein Buch darüber geschrieben. „The Making of a Rag Doll“ gehört zum Schönsten, was mein Bücherregal zu bieten hat: Hochwertiges Design, wundervolle Bilder, übersichtliches Layout, harmonische Gestaltung, schlichte Illustrationen, gut verständliche Texte – eine ganz feine, entspannte Anmutung, die bestens zu den Puppen passt. Es gibt eine Einführung über die Entstehung der Jess Brown Rag Dolls, Hinweise zu Material, Arbeitsutensilien und Techniken, eine ausführliche Begriffsübersicht für das Nähen, eine kleine Stoffkunde mit Tipps für die Schatzsuche auf dem Flohmarkt und natürlich eine Vielzahl an Projekten, darunter nicht nur die Puppe selbst, sondern auch Kleidung und Accessoires. Jess Brown mag es, wenn den Dingen anzusehen ist, dass sie von Hand gemacht wurden. Dabei wirkt aber nichts nachlässig, sondern immer sorgfältig durchdacht und ausgeführt. Das schlägt sich auch in den Anleitungen und Schnittmustern nieder. Alles ist ganz einfach und sehr gut auch für Anfängerinnen und Anfänger geeignet.

Seit „Lulu & Pip“ habe ich mich riesig darauf gefreut, irgendwann selbst eine Jess Brown Rag Doll anzufertigen. Im Juli an unserem Wochenende unter Puppenmacherinnen habe ich es endlich getan und es war so gut, einmal eine ganz andere Art von Puppe zu nähen. Spannend war für mich im Vorfeld auch die gedankliche Auseinandersetzung mit dieser Puppe, warum sie mich so anspricht und was mir das über meine eigene Arbeit erzählt. Dabei habe ich viel über Mariengold gelernt.

Und ich möchte noch so eine Puppe nähen und zwar in der laufenden PuppenMITmacherei. Meine Partnerin Caro von NATURKINDER hat sich spontan angeschlossen und verlost aktuell auch das Buch auf ihrem Blog. Bis zu unserem nächsten Treffen am 7. September könnt ihr hier an dem Gewinnspiel teilnehmen. Dann geht es nach meiner Pause im August auch für mich los mit den ersten praktischen Arbeitsschritten und der zweiten Runde Jess-Brown-Rag-Doll-Nähglück.

Jess Brown: The Making of a Rag Doll. Design & Sew Modern Heirlooms, Chronicle Books, ISBN: 1452119511, ca. 22,00 Euro.


6. Juni 2016

Bücher: „Puppen – Heimliche Menschenflüsterer“ von Insa Fooken

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Es war eine aufmerksame Blogleserin, die mich auf das Buch „Puppen – Heimliche Menschenflüsterer“ von Insa Fooken aufmerksam machte, das heute zu meinen Lieblingen zählt und seitdem meine Arbeit inspiriert. Die Autorin ist Professorin für Psychologie an der Universität Siegen, ihre Arbeit an dem Buch wurde von der Stiftung „Chancen für Kinder durch Spielen“ unterstützt, die sich der Bedeutung von Puppen, Teddies und Kuscheltieren für Kinder widmet.

Als Puppenmacherin mit akademischem Hintergrund, Interesse an Psychologie und Schwerpunkt auf der heilenden Kraft von Puppen und Puppenmacherei hatte ich mir so ein Buch immer gewünscht und stellte bereits nach dem ersten Blättern und Lesen glücklich fest, dass ich einen wahren Schatz in den Händen hielt. Denn die Autorin erforscht die Magie der Puppen mit einer wirklich spannenden Mischung aus Psychologie, Literatur-, Entwicklungs- und Kulturgeschichte und das macht das Buch zu einer wertvollen Quelle der Inspiration und des Wissens über Puppen und ihre Bedeutung für die Entwicklung des Menschen.

Als Puppenmacherin, Kursleiterin und Mutter begegne ich dem Thema Puppen auf vielen verschiedenen Ebenen. Neben dem Handwerk selbst liegt mein Interessenschwerpunkt auf der Heilkraft der Puppen bzw. Puppen als Spiegel der Seele, wie ich es selbst nenne. Bisher habe ich mich dem therapeutischen Aspekt von Puppen, Puppenspiel und der Herstellung von Puppen eher intuitiv und spielerisch und basierend auf Beobachtungen und meinen und den Erfahrungen anderer genähert. Literatur ist kaum zu dem Thema zu finden. Auch Menschen vom Fach wie Psychotherapeuten, Heilpraktiker und Kunsttherapeuten können mir meist nur mit ein paar Hinweisen und Stichworten weiterhelfen.

Das Buch von Insa Fooken dagegen eröffnet einen vielseitigen Einblick in das Phänomen Puppe, beantwortet viele Fragen, die im Laufe meiner Tätigkeit als Puppenmacherin aufgetaucht sind, und macht Lust und neugierig, zu bestimmten Aspekten selbst weiter zu forschen und zu lesen. Auch schätze ich sehr die umfangreiche Literaturliste, die Bilder von Menschen und Puppen aus Fotografie und Malerei und die vielen Hinweise auf Puppen in der Literatur.

Schon nach den ersten Seiten war mir klar, dass das Buch meine Entwicklung als Puppenmacherin intensiv begleiten und inspirieren würde. Ich fühlte mich bestätigt und ermutigt, weiter an meinem Herzensthema dranzubleiben und meinen Fokus in nicht zu verlieren. Dafür danke ich der Autorin sehr.

Wer noch etwas tiefer in die Thematik des Buches eintauchen möchte, dem empfehle ich ein Interview mit Insa Fooken im Schweizer Tages-Anzeiger mit dem Titel „Puppen sind der Schlüssel zu Identität und Menschwerdung“. Eine ausführliche Inhaltsangabe sowie eine Leseprobe findet ihr hier.

Insa Fooken: Puppen – Heimliche Menschenflüsterer. Ihre Wiederentdeckung als Spielzeug und Kulturgut, Vandenhoeck & Ruprecht, ISBN: 9783525402160, 30,00 Euro.


2. Mai 2016

Bücher: „Goldie, die Puppenmacherin“ von Marilyn B. Goffstein

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Dieses Buch ist ein wahrer kleiner Schatz, den ich vielleicht niemals kennengelernt hätte, wenn mir nicht eine Leserin ein Zitat für meine Sammlung daraus geschickt hätte:

„Und als sie erst einmal den Kopf und den Körper geschnitzt hatte, konnte sie die Puppe nicht einfach auf den Arbeitstisch legen und ins Bett gehen. Sie fühlte sich verantwortlich für das kleine hölzerne Geschöpf, das gar nicht existieren würde, wenn es sie nicht gäbe.“

Wir sind uns ein bisschen ähnlich, dachte ich, und wollte Goldie kennenlernen und bestellte das Buch. Es ist zuerst 1969 erschienen und nur noch antiquarisch erhältlich. Was gut passt, denn es ist eine Geschichte wie aus einer anderen Zeit.

Sie handelt von Goldie, einer Puppenmacherin, die allein in ihrem Haus lebt und kleine Holzpuppen schnitzt, die sie mit freundlichen Gesichtern bemalt. Sie liebt ihre Arbeit sehr und die Menschen mögen ihre Puppen und bestellen mehr, als sie liefern kann, denn:

„Es war ein höchst befriedigendes Gefühl, eine kleine Puppe von Goldie Rosenzweig in der Hand zu halten und dabei zu wissen, dass sie bestimmt oft geküsst und überallhin mitgenommen werden, die schönsten Puppenkleider der Welt bekommen und sehr glücklich gemacht würde.“

Goldie führt ein ruhiges Leben. Sie isst Rosinenbrötchen und trinkt Tee, schnitzt ihre geliebten Puppen und besucht dann und wann Omus, ihren Freund, den Tischler, der die Holzkisten für ihre Puppen macht und sich wundert, warum sie das Holz für ihre Puppen im Wald sammelt und keine Stücke verwendet, die er sauber und gerade mit der Säge zurechtschneidet:

„Es kommt mir einfach nicht echt vor, deshalb ist es nicht so interessant zum Schnitzen. Und es kommt nichts so Gutes dabei heraus. Es sieht niemals lebendig aus.“

Eines Tages entdeckt sie bei Herrn Salomon, der (nicht nur ihre Puppen verkauft, sondern auch) wunderschöne Sachen aus der ganzen Welt importiert, eine kleine chinesische Lampe, an die sie sofort ihr Herz verschenkt und die sie unbedingt haben möchte. Für den Preis muss sie achtzehn Puppen schnitzen, das sind drei Monate Arbeit. Goldie kauft sie und obwohl sie das Geld noch nicht hat, darf sie die Lampe schon mit nach Hause nehmen und sich an ihr erfreuen.

Zunächst aber kommen ihr Zweifel. Die Lampe ist zwar wunderschön, aber teuer und klein, sie würde ihr nicht viel Licht spenden. Und sie würde viel dafür arbeiten müssen und monatelang kaum genug zu essen haben, bis sie sie bezahlt hätte. Wie Omus schon sagte, sie muss verrückt sein. Da möchte sie die Lampe lieber wieder zurück in den Laden bringen.

An diesem Abend schläft Goldie mit dem Gefühl größter Einsamkeit ein. Im Traum erscheint ihr der Mann, der die Lampe angefertigt hat. Die beiden erkennen einander als Seelenverwandte, so dass sie begreift, dass sie nicht allein ist und neuen Mut fasst und die Lampe schließlich von ganzem Herzen als ihre annimmt:

„Mein Haus“, dachte Goldie zum ersten Mal in ihrem Leben. „Mein eigenes kleines Haus mit meinem Schnitzmesser, meiner Lampe und meinem Tee, meinem Bett und meinem Arbeitstisch und meinem Holz, wo ich kleine Holzpuppen mache – für Freunde.“

„Goldie, die Puppenmacherin“ ist eine ganz leise Geschichte mit einer bescheidenen kleinen Heldin, die ein einfaches Leben führt und instinktiv weiß, was im Leben wirklich wichtig ist. Ihre Arbeit erfüllt sie mit Freude, die Menschen mögen sie und doch fühlt sie sich manchmal einsam. Als sie ein besonderes Ding entdeckt, das mit derselben Liebe hergestellt wurde wie ihre Puppen, erkennt vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben, welche Gefühle ihre eigene Arbeit bei anderen auszulösen vermag. Tiefe Zufriedenheit stellt sich ein und sie fühlt sich aufgehoben und mit den Menschen verbunden, die durch ihre Puppen zu Freunden werden.

Wir sind uns wirklich ein bisschen ähnlich, dachte ich, nachdem ich das Buch gelesen hatte. Ich war tief berührt, froh und etwas melancholisch zugleich, vor allem aber glücklich, in Goldie eine Freundin im Geiste gefunden zu haben.

Marilyn B. Goffstein: Goldie, die Puppenmacherei, Middelhauve, ISBN: 3787695540, nur noch antiquarisch erhältlich.

Gern dürft ihr mir weiterhin Zitate und Textstellen zu Puppen und Puppenmacherei an hello@mariengold.net schicken. Ich bin auch immer auf der Suche nach Büchern zum Thema.


5. April 2016

Büber: „Das Herz der Puppe“ von Rafik Schami

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Es war an einem Sonntag im Frühjahr 2012, ich weiß es noch ganz genau, als ich bei einem Bummel in der Akazienstraße in Berlin-Schöneberg das Buch „Das Herz der Puppe“ von Rafik Schami entdeckte. Weil es Sonntag war, blieb mir nichts anderes übrig, als meine Nase am Schaufenster des Buchladens plattzudrücken, um mir, so gut es eben ging, ein Bild zu machen. Bei dem Titel schlug mein Herz schlug gleich ein paar Takte schneller und allein beim Anblick des Titelbildes aus der Ferne spürte ich, dass es ein gutes Buch ist und dass es ganz viel mit meiner Arbeit als Puppenmacherin zu tun hat. Zwei Tage später begann ich mit der Lektüre.

Das Buch handelt von Nina und ihrer Puppe Widu, die sie auf dem Flohmarkt gefunden hat. Widu ist schon viele Kinderleben alt und hat bereits eine Menge gesehen und erlebt. Nina hat vor allem gerade einen Umzug erlebt und fühlt sich deshalb oft einsam und traurig. Da kommt Widu gerade recht. Sie kann sprechen, auf Ninas Zehen Flöte spielen, sie weiß ganz viel, kann Geschichten erzählen und Nina zum Lachen bringen. Aber das Beste ist, dass Widu Nina ihre Angst nehmen kann, wenn diese sie fest in den Arm nimmt. Mit Widu wird Nina endlich wieder fröhlich. Gemeinsam spielen sie die tollsten Sachen. Die Puppe erklärt Nina die Welt und steht ihr mit Rat und Tat, Humor und Liebe zur Seite. Nina und Widu haben sich sehr gern. So gern, dass Widu manchmal nachts, wenn Nina schon schläft, ganz nachdenklich wird und sich zu wünschen beginnt, selbst ein Mensch zu sein. Wie Nina. Mit einem Herzen. Puppen haben aber kein Herz und Widu glaubt, dass das auch gut so ist. Doch spätestens als Nina krank wird, entdeckt sie ihre Gefühle für das kleine Mädchen. Wird die Puppe sich nun doch für ein Herz entscheiden?

„Lag es an diesem besonders sympathischen Mädchen allein, oder lag es auch an ihr? Wünschte sie sich etwas, was sich noch keine Puppe zu wünschen gewagt hatte? Wünschte sie sich etwa – ein Herz? Um Himmels willen, was dachte sie da bloß? Widu lächelte über ihre eigenen Gedanken. Eine Puppe mit Herz? Nein, das kam überhaupt nicht in Frage! Dann würde sie ja älter werden müssen und am Ende noch sterben. Nein, ein Herz war Widu zu gefährlich. Aber vielleicht konnte eine Puppe ja auch ohne Herz fühlen? Ach, das wäre göttlich, dachte Widu, und bald darauf schlief sie lächelnd ein.“

Bestsellerautor Rafik Schami greift in diesem Buch die einfache und alte Frage nach der Seele von eigentlich leblosen Dingen wie Puppen und Kuscheltieren auf. Das Buch erzählt von der tiefen Freundschaft eines kleinen Mädchens zu seiner Puppe, von der Kraft der Liebe, von Angst und Mut, von Einsamkeit und Verlust, von Miteinander und Verbundenheit, von Krankheit und Tod. Die Geschichte wird in vielen kurzen, nicht zusammenhängenden Kapiteln erzählt, mal locker und humorvoll, mal berührend und ergreifend, mal philosophisch und tiefsinnig. Die Sprache des Autors ist poetisch und humorvoll, sensibel und klug, voller Bilder, Kraft und Wärme. Kinder und Erwachsene mit vielen Fragen an die Welt, das Leben und ihren Platz darin finden in diesem Buch ungewöhnliche Antworten, aber auch Halt und Trost sowie die Ermutigung, sich ganz lange das Kindsein zu bewahren.

„Solange du Raureif und Tau für ein Wunder hältst und jeden Vollmond anschaust, als stünde er zum ersten Mal am Himmel, solange du über jede Blume staunst und jeden Schmetterling und jeden Stern als einzigartiges Wunder betrachtest – so lange bleibst du ein Kind“, erklärte Widu.“

Die Frage nach dem Herzen der Puppen beschäftigt mich seit bald 10 Jahren. Aus diesem Grund hat mich wohl auch das Buch auf den ersten Blick angesprochen. Ich war sehr gespannt auf die Antworten des Autors. Diese passen ganz gut zu meiner eigenen Sichtweise und haben darüber hinaus den Raum für mich auch noch geweitet.

Das Puppenmachen sehe ich mittlerweile ganz pragmatisch. Zu Beginn meiner Arbeit als Puppenmacherin glaubte ich fest daran, dass ich ganz viel von mir selbst in die Puppen hineingebe, sie dadurch beseele oder zum Leben erwecke und dass vor allem das ihre Qualität ausmacht. Wie genau das funktionieren sollte, konnte ich mir selbst nie wirklich erklären, aber es machte dennoch Sinn und gab mir Halt.

Irgendwann stimmte das Bild nicht mehr für mich. Ich wollte nichts mehr von mir irgendwo hineingeben, weggeben. Meine Essenz, mein Inneres sollte bei mir bleiben. Ich wollte ganz bleiben. Es war gewissermaßen ein Schritt der Trennung. Ich bin ihn schon relativ früh gegangen und er hat mir und meiner Arbeit sehr gut getan.

Heute gebe ich mein Bestes, einfache, schöne, gut verarbeitete und stabile Puppen herzustellen, die Gefühle wecken und Freude machen. Denn ich weiß, dass nicht ich es bin, die die Puppen beseelt, sondern ihr Gegenüber, die Kinder. Puppen sind wie Spiegel. Im Spiel mit den Puppen finden die Kinder sich selbst, ihre eigene Seele und kommen in Kontakt mit ihren Herzen. Puppen selbst haben kein Herz. Es sind die Herzen der Kinder, die die Puppen zum Leben erwecken, sie am Leben erhalten und sie in diesem Sinne irgendwann einmal auch sterben lassen, wenn die Kindheit und die Zeit des Spielens vorbei ist.

„Das Herz der Puppe“ lässt kleine und große Leserinnen und Leser ein Gefühl für die eigene Kindheit und für ihre Nähe oder Entfernung zum Reich der Erwachsenen bekommen. Ganz gleich wo wir uns befinden, es ist gut so, wie es ist. Alles hat seine Zeit.

Rafik Schami: Das Herz der Puppe, Hanser, ISBN: 3446238964, 12,90 Euro.