17. Juli 2017

Eine Blumenwiese aus Händen

Es ist mittlerweile eine lieb gewonnene Tradition, das erste Halbjahr mit den Puppen mit einem Sommertreffen von 8Hände abzurunden. 8Hände, das ist unser Berliner Puppenmacherinnenkollektiv und wir, das sind Anita von Lilla Kirrivi, Julia von Von Kowalke, Laura von 1000 Rehe und ich. Seit 2013 treffen wir uns regelmäßig zum Austausch und Werkeln in Berlin und der Oberlausitz und erforschen, erleben und gestalten unsere ganz persönliche Welt der Puppenmacherei.

Als ich vor einigen Wochen im Radio eine Rezension zu dem Buch „Kunst und Rivalität“ von Sebastian Schmee gehört habe, in dem es um vier enge Künstlerfreundschaften geht, musste ich auflauschen. Das Thema sprach mich an, also machte ich lauter, und schon nach wenigen Sätzen wanderten meine Gedanken zu 8Hände und der Frage, wie das eigentlich bei uns ist. Klar, wir sind Freundinnen (kannten uns teilweise schon vor den Puppen) und Kolleginnen. Aber auch Konkurrentinnen, Rivalinnen?

Wir sind es natürlicherweise, denn wir stellen alle Stoffpuppen her, haben ähnliche Zielgruppen im Kopf und bewegen uns auf demselben Markt. Dabei nicht von einer klassischen Wettbewerbssituation zu sprechen, wäre nur die halbe Wahrheit. Aber ich bin zutiefst davon überzeugt, dass das Konzept des Vergleichens, Wetteiferns und Kämpfens nicht dient, wenn wir liebevolle Beziehungen führen und ein selbstbestimmtes Leben leben möchten. Vielmehr glaube ich an die Idee des Netzwerks, in dem alle Menschen mit ihren Stärken und Fähigkeiten gleichberechtigt sind, in dem jeder etwas einbringt und jeder etwas nimmt und so ein lebendiger, reichhaltiger Austausch entsteht. In so einem Netzwerk gibt es keine Hierarchie, sondern jeder befindet sich auf seinem ganz eigenen Weg und bringt seine einzigartige Begabung in die Welt. Auf diese Weise tragen alle zur Schönheit und zum Reichtum des Ganzen bei, so wie jede einzelne Blume und jeder einzelne Grashalm auf einer blühenden Sommerwiese.

Aber es gibt sie bei mir, diese Momente mit 8Hände, nicht oft, aber manchmal schon, wenn es im Herzen zwickt und Neid aufkommt. Beschämend und doof ist das natürlich, zumal vor den Freundinnen, und doch ist da etwas, das beharrlich auf sich aufmerksam macht und gesehen werden möchte, eine Chance, wenn man so will. Denn meiner Erfahrung nach ist Neid ein deutlicher Ausdruck dafür, dass wir bestimmte Dinge in unserem Leben weiterentwickeln möchten. So unangenehm dieses Gefühl ist, es ist auch wertvoll, denn es zeigt uns den Weg, den wir gehen wollen. Meist sind das unbewusste Anteile unseres Selbst, die tief in uns verborgen liegen und darauf warten, entdeckt und gelebt zu werden. Diese Sehnsucht macht sich manchmal in Form von Neid bemerkbar. Dann spüren wir, dass uns etwas Wichtiges und Bedeutsames in unserem Leben fehlt. Aus dieser Perspektive betrachtet, kann Neid auch etwas Positives sein, nämlich ein Wegweiser, der uns zeigt, wo wir unser Potenzial noch nicht voll entfaltet haben und wo die nächsten Schritte unserer Entwicklung liegen. Denn – ganz wichtig – wir können nur neiden, was wir selbst für möglich halten zu haben, zu können oder zu sein. Dieses in der Regel unerwünschte Gefühl kann also auch als Einladung genommen werden, genau hinzuschauen, was das Herz zum Zwicken bringt, und diese Qualität im eigenen Leben zu verwirklichen.

Dass ich diese Gedanken mit unserem letzten Treffen verbinde, ist natürlich kein Zufall. Anita war wieder in der Stadt und wir haben endlich geschafft, was wir uns seit über einem Jahr vorgenommen hatten, nämlich Julia in ihrem Atelier in Karlshorst zu besuchen, für mich war es bereits das zweite Mal. Julia hat sich da einen herrlichen Ort für ihre Puppenmacherei geschaffen mit einem großen Tisch zum Werkeln und für Kurse, zwei Schaufenstern, die sie wunderschön dekoriert, einer kleinen Teeküche und einer ruhigen Ecke zum Rattern mit der Nähmaschine. Kurz: Raum, wie ich ihn mir selbst seit Jahren erträume. Ich freue mich wirklich von ganzem Herzen für Julia, natürlich auch über die Aussicht, jetzt öfter dort mit ihr zu sein, die Hände tanzen zu lassen, Tee zu trinken und zu plaudern. Aber es rührt mich noch auf eine andere Weise an, die viel tiefer geht und Licht auf einen Wunsch wirft, den ich lange im Dunkeln gehalten habe. Meinem Wunsch nach einem Arbeitsplatz außerhalb meiner Wohnung, nach Größe und Weite, nach ganz viel Raum für Ideen, Kreativität und Miteinander, auch nach Sichtbar-Sein in der Welt. Da geht es also lang, das ist meine große Sehnsucht und gleichzeitig meine große Angst. Diesen Wunsch einmal klar und liebevoll wahrzunehmen und auch anzunehmen, tut gut, dafür bin ich dankbar und das macht aus dem zwickenden Herzen wieder ein offenes Herz, das mit seiner unendlichen wundervollen wilden Weisheit verlässlich führt, wenn man es nur lässt.

Wir hatten einen tollen Vormittag zusammen, haben wir immer geredet und geschmaust, ein bisschen gewerkelt und viel gelacht, Puppen gestreichelt und Entwürfe bestaunt, uns ausgetauscht und Pläne geschmiedet. So eine Gemeinschaft über die Jahre zu pflegen, ein Herzensding zu teilen und einander über einen längeren Zeitraum zu begleiten und zu erleben, ist etwas ganz Besonderes. Jedes Mal, wenn wir zusammensitzen, läuft mir das Herz vor Freude über und ich bin unheimlich glücklich über die Kontinuität unserer Verabredungen, auch wenn es manchmal gar nicht so leicht ist, die Gruppe zusammenzuhalten. Das Beste an einem Netzwerk ist, dass es sich unendlich ausdehnen kann und es immer besser wird, je mehr Menschen dabei sind. Und auch wenn wir bei unseren Treffen immer nur vier Frauen sind, spüre ich jedes Mal, dass wir in Wirklichkeit nicht nur acht Hände sind, sondern viel, viel mehr, mindestens doppelt so viele, wie es Puppennähverliebte auf dieser Welt gibt.

Mehr von 8Hände findet ihr hier.

© Bilder 1000 Rehe und Lilla Kirrivi


23. Januar 2017

Sechs Hände und vier Pfötchen

Anfang Januar war Anita wieder in der Stadt. Zeit für 8Hände, sich endlich einmal wiederzusehen und das neue Puppenjahr gemeinsam einzuläuten. Julia konnte leider nicht dabei sein, dafür hat uns der Nachbarshund Gesellschaft geleistet und den Wohlfühlfaktor noch einmal mindestens verdreifacht.

8Hände, das ist unser Puppenkünstlerinnenkollektiv, bestehend aus Laura von 1000 Rehe, Anita von Lilla Kirrivi, Julia von Von Kowalke und mir, Maria von Mariengold. Seit 2013 treffen wir uns regelmäßig in Berlin und einem kleinen Dorf in der Oberlausitz, Anitas neuem Zuhause, um gemeinsam zu werkeln und unsere ganz persönliche Welt der Puppenmacherei miteinander zu erforschen, zu erleben und zu gestalten. Bisherige Sternstunden waren eine Reise zum Puppen-Festival in Neustadt/Coburg, ein Tag mit Kartoffeldruck in Julias Garten  und natürlich unser Wochenende unter Puppenmacherinnen im letzten Sommer. Unvergessen sind aber auch die vielen Frühstücke, bei denen wir einfach nur geschlemmt, gelacht und geplaudert haben, das Werkeln nebenbei lief oder wir auch mal gar nicht dazugekommen sind, weil wir immer weiter geredet haben.

So war es dieses Mal nicht. Stopfen und Buchhaltung standen auf dem Programm (nach einem ausgiebigen Frühstück natürlich). Das Thema Stopfen ist ja ein Dauerbrenner. Möglichst fest soll es sein und ohne Dellen. Drei Puppenmacherinnen haben dafür drei verschiedene Techniken. Eine neue haben wir gemeinsam ausprobiert, die Rolling Wool Technique, die Fig & Me hier vorführt. Mit der klassischen Musik in dem Video und dem schnarchenden Hund unter dem Tisch wurde es auf einmal ganz gemütlich und so stopften wir vor uns hin, teilten unsere Gedanken zum Thema, schweiften natürlich auch immer wieder ab und gingen dann langsam über zu den harten Fakten, zu Zahlen und Rechnungen, Einnahmen und Gewinn, Steuern und Rücklagen und so weiter. Auch das gehört zur Puppenmacherei und kann einem schon einmal Fragezeichen und Sorgenfalten ins Gesicht zeichnen. Umso besser, wenn Wissen und Erfahrungen geteilt werden können. Dann wird es leichter und man kann sich bald wieder mit Herz und Hand dem Eigentlichen zuwenden.

Ich habe es hier schon oft geschrieben und werde nicht müde, es immer wieder zu tun: So eine Gruppe von Gleichgesinnten ist goldwert. Es macht unheimlich viel Freude, eine Leidenschaft zu teilen und ein Stück des Weges gemeinsam zu gehen, mit allen Höhen und Tiefen, Veränderungen und Herausforderungen, die das Leben so mit sich bringt. Bei uns sind es jetzt gute vier Jahre, die wir zusammen sind. Es waren im wahrsten Sinne des Wortes gute Jahre, Jahre voller Puppen/macherei, Goldkonfetti und einem Wir, das stark macht und glücklich, weniger allein und immer wieder Vorfreude weckt, die anderen zu entdecken, jedes Mal neu und anders, und das Ich im Wir zu spüren.

Die Bilder in s/w sind übrigens von Anita. Mehr davon findet ihr hier, mehr von 8Hände hier.


11. Juli 2016

Romantische Zuversicht (ein Wochenende unter Puppenmacherinnen)

DSC03794

IMG_4991

DSC03670

DSC03725

DSC03849

DSC03852

DSC03730

8haende021

8haende027

DSC03807

DSC03748

DSC03823

DSC03804

DSC03766

DSC03768

8haende011

DSC03686

DSC03687

DSC03843

Was haben wir uns gefreut auf unser lang geplantes Wochenende auf dem Land, auf ganz viel Zeit miteinander und für das Handwerk unserer Herzen, die Puppenmacherei. Anfang Juli besuchten Julia von von Kowalke, Laura von 1000 Rehe und ich die Vierte in unserem Bunde, Anita von Lilla Kirrivi, in ihrem neuen Zuhause. Zusammen sind wir 8Hände, ein Puppenmacherinnenkollektiv aus Berlin, das sich seit 2013 regelmäßig zum Austausch und Werkeln trifft.

Seit Anitas Umzug vor einem Jahr war es ruhig geworden um unsere Gruppe. Auf einmal fehlten zwei Hände. Gleichzeitig entstand eine neue Idee für unser Miteinander, eine jährliche, kreative Auszeit auf dem Land, in der wir uns nur den Puppen widmen würden – was für herrliche Aussichten!

Herzklopfen auf dem Weg in die Oberlausitz. Einmal sprach Laura hinterm Steuer von „romantischer Zuversicht“, in welchem Kontext, weiß ich nicht mehr, aber ich liebe ihre Wortkreationen und nahm diese als Überschrift mit in unser Wochenende.

Wir hatten eine wunderbare Zeit miteinander: Wiedersehensfreude im Garten mit frischen Blumen und zweierlei Kuchen, großes Hallo unter den mitgereisten Puppen, ein Haus voller Geschichte und Geschichten in einem Ort, an dem die Zeit stillzustehen scheint, Schatzsuche auf dem Dachboden, ein tschetschenischer Abend mit fantastischen Manti und Frauen aus der Gegend und von viel weiter her, Ferienlagerstimmung zur Nacht, Schlafen in Lieblingsbettwäsche aus altem Leinen, Kirschenernte, eine kleine Herde Schafe hinterm Haus, Anitas Gastfreundschaft und immer wieder köstliche Speisen und Labsal für Bauch und Seele, Abendbrot bei Kerzenschein, Weißweingespräche, Kätzchen-Talk und Vorfreude mit Linda, Flohmarktbesuch in Oppach, vertraute Landschaften (meine alte Heimat), Kopflüften bei Nieselregen, mitternächtliches Mitfiebern beim Elfmeterschießen und natürlich großes Puppennähglück und viel Plaudern und Lachen, leuchtenden Augen und frohen Herzen.

Bald sind es 10 Jahre für mich mit den Puppen und Mariengold. Laura kenne sogar noch länger, Julia und Anita auch schon einige Jahre. Uns hat immer mehr als die Puppen verbunden, aber es sind vor allem sie, die 8Hände zusammenhalten. Sie sind für uns der schönste Grund, uns zu begleiten, auszutauschen und miteinander zu sein.

In den letzten Jahren haben wir vier verschiedenste Erfahrungen gesammelt, gute, aufregende, doofe, traurige, erstaunliche, ermutigende, beglückende, bedrückende. Wenn ich an 8Hände denke, rührt es mich jedes Mal sehr, mitzuerleben, wie jede ihr Bestes gibt, sich mit ihrem Wirken als Puppenmacherin im Leben einzurichten. Jede von uns geht ihren ganz eigenen Weg. Spannend und schön, das mitzuverfolgen und selbst ein kleiner Teil davon sein zu dürfen. Dafür bin ich sehr dankbar. Zuweilen machen wir uns den Rücken krumm für Familie, Alltag und Arbeit und stöhnen und motzen in der Rush-Hour des Lebens unter den Anforderungen und Ansprüchen, die wir selbst an uns richten. Wunsch und Wirklichkeit liegen manchmal weit auseinander, manchmal auch nicht. Ein paar Illusionen über das Leben als Puppenmacherinnen haben wir alle bereits losgelassen. Unsanfte Landungen auf dem Hosenboden und Tränen gab es auch schon (zumindest bei mir). Grübeln über die Zukunft, finanzielle Unsicherheit, ein bisschen Bammel vor dem Alter sowieso. Und doch sind wir von ganzem Herzen dabei. Weil wir Puppen lieben und mit Puppenmacherei leben möchten. Trotz allem. Das war für mich an unserem Wochenende die romantische Zuversicht, mit der Laura die gemeinsame Zeit eröffnete. Und diesen Gedanken nehme ich mit.

Zusammen geht vieles leichter. Freude wird vervielfacht, Sorgen werden geteilt. So einfach ist das. 8Hände möchte ich nicht missen. Sommerliche Stippvisiten auf dem Land mit Puppen/macherei von jetzt an auch nicht mehr.

Mehr von 8Hände findet ihr hier.