12. Juni 2017

Puppen-Highs im Hohen Fläming (Landpartie 2017)

Am Ende der vier Tage gab es diesen einen Moment, in dem alles stimmte. Ich saß in der quietschenden Hollywoodschaukel im Garten unseres Refugiums, der Holunder duftete schwer nach Sommer, die Vögel zwitscherten ihr Abendlied, eine wohlig warme Brise umschmeichelte meine nackten Arme, es wurde langsam dunkel und unser Workshopraum, in den ich von meinem Happy Place direkt hineinschauen konnte, war so heimelig erleuchtet und von Puppennähverliebten bewuselt, dass mir vor Seligkeit das Herz anschwoll.

Da lag sie schon fast hinter uns, unsere Landpartie, ein Traum, den meine Freundin Laura von 1000 Rehe und ich seit Jahren gemeinsam träumten und in den letzten zwölf Monaten haben Wirklichkeit werden lassen. Mehrere Tage Puppennähen auf dem Land, Puppenmachen bis in die Puppen, das stellten wir uns nur allzu gut vor und hatten von Anfang an das Gefühl, dass wir damit nicht alleine sind. Und tatsächlich fanden sich zehn Frauen, die mit uns diese Reise machen wollten. Von überall her kamen sie, sogar aus der Schweiz, in einem kleinen roten Auto, das mit ganz viel Geduld und Mutter-Tochter-Vorfreude den langen Weg ins Brandenburger Hügelland schaffte.

Vier Tage

Ankommen, Kennenlernen und Wiedersehen im wilden Paradies unserer Gastgeber Ulrike und Douglas, die erste gemeinsame Mahlzeit im blauen Salon, behutsame Annäherung, Lachen, Worttaumel. Bei einem Blick in die Zimmer sehe ich auf fast jedem Bett eine mitgebrachte Puppe sitzen. Am Abend die erste kleine Workshop-Einheit, in der wir kleine Herzen mit persönlicher Liebesbotschaft nähen, die später in unseren Goldstücken schlagen sollen. Danach beginnen schon die ersten mit der Puppenkleiderschneiderei. In unserem Zimmer unterm Dach hören Laura und ich das Rattern der Nähmaschinen und besprechen im Nachthemd den kommenden Tag. Mittlerweile geht die Sonne vor einem zauberschönen pastellfarbenen Himmel unter und der Kuckuck ruft. Alle sind da, alles ist gut.

Am nächsten Vormittag tauchen wir richtig ein. Laura leitet das Kopfmachen an, ich reiche das Material und unterstütze mit Maßen, Handanlegen, Tipps und Tricks und ein bisschen Struktur. Wir funktionieren gut als Team, auch in diesem Kurs. Die Köpfe, die entstehen, sehen mal mehr nach 1000 Rehe, mal mehr nach Mariengold aus. An unserem großen Werkeltisch für Zwölf wird es immer lebendiger. Stunde um Stunde werden die Frauen weicher und offener, trauen sich zu zeigen und zu erzählen. Es wird viel gelacht, die Stimmung ist großartig. Schlag 13 lassen alle die Nadeln fallen und folgen dem Duft nach nebenan. Dort stehen um einen schweren antiken Tisch zwölf Stühle und es braucht viel Kommunikation und lange Arme, um die Schüsseln von einem Eck ins andere zu bringen. Immer wieder Lachen. Zum Nachtisch gibt es Apfelmus aus dem Garten vom letzten Jahr. Wir können unser Glück kaum fassen. Mittagsschlaf, wer es sich gönnen möchte. Danach weiter mit den Puppen. Einige arbeiten parallel an zweien. Wir stopfen feste, ganz fest. Zum Nachmittag Zitronenkuchen aus der Mischung von Laura. Wir häkeln, immer wieder an den nächsten Tagen, bis das Käppchen auf den Kopf passt. Zeit für das Abendessen. Wieder gibt es eine Suppe vorweg. Was für eine Verwöhnung für uns Frauen, von denen die meisten es zu Hause mit Kindern, Job und Alltag kaum schaffen, sich selbst gut zu nähren. Der stets so reich und liebevoll gedeckte Tisch ist ein großes Geschenk für alle. Langsam klingt der Tag aus. Laura und ich machen einen Wald- und Wiesenspaziergang, pflücken Blumen, tauschen uns aus. Irgendwann einvernehmliches Schweigen der untergehenden Sonne entgegen. Die Ruhe tut gut. Zurück im Refugium emsiges Treiben im Workshopraum. Puppenkleider werden genäht, keiner mag sich so recht in die Nacht verabschieden. Der Kuckuck meldet sich wieder. Laura und ich schlafen tief und fest.

Am nächsten Tag wird aus der Gruppe eine echte Gemeinschaft. Das fühlt sich an wie ein kleines Wunder und ist eigentlich auch schon alles, was Laura und ich uns für die Landpartie gewünscht haben: Puppennähverliebte in heiterer Verbundenheit. Die Frauen wachsen zusammen, Laura und ich wachsen mit und staunen immer wieder über diese Magie. Bis zum Gong werkeln wir an unseren Puppen, die immer mehr Form annehmen und schließlich zusammengenäht und mit süßen kleinen Details versehen werden. Da liegen sie, mindestens zwölf Puppen, noch ganz roh, ohne Gesicht und Haare, dafür mit Grübchen, Bauchnabel, Popo und was uns sonst noch eingefallen ist. Der Abschied fällt schwer, denn erst am nächsten Tag soll es weitergehen. Für das Mittagessen haben Douglas und Ulrike im Garten eingedeckt. In dieser satten und blühenden Umgebung schmeckt es gleich doppelt so gut. Danach ein Nickerchen. Die zweite Tageshälfte darf jede frei für sich gestalten. Ein paar Frauen schließen sich Laura für eine kleine Wanderung zum Badeteich im Nachbardorf an. Lebensgespräche, nennt Laura es später, was sie unterwegs verbindet. Die anderen lassen weiter die Hände tanzen oder genießen das herrliche Anwesen, die Kunstwerke und Rückzugsnischen, die Wandelwege auf der Streuobstwiese, den Buddha mit der leuchtenden Schneckenmuschel in den Armen, Douglas im Gemüsegarten, der klatschrote Mohn, die Rosen, das Meisenpärchen, das immer vor der Veranda herumschwirrt. Beim Abendessen wieder Farben und Düfte, Kräuter und Blüten, soweit der Appetit reicht. Zum Abschluss das Hörbuch Vasalisa und das erste Mal Tränenschimmer in den Augen einiger Frauen, auch in meinen. Wie nah Leichtigkeit und Schwere, Glück und Trauer manchmal beieinander liegen, bringt uns später ein Anruf in Erinnerung, den eine Frau von Zuhause erreicht und sie am nächsten Morgen nach einer unruhigen und sorgenvollen Nacht vorzeitig abreisen lässt. An den kommenden Tagen bleibt ihr Platz leer, aber sie ist weiterhin Teil der Gruppe und wird liebevoll bedacht.

Es ist Samstag. Es regnet und wir fühlen uns wohl behütet in unserem Raum. Weiter, weiter mit den Puppen. Sie bekommen Gesicht und Haare und ihren Lebenshauch von roter Farbe. Uns Kursleiterinnen macht es so viel Freude, die Frauen und ihre Puppen beim Sein und Werden zu begleiten. Es tut gut, Zeit zu haben, viel Zeit. Herzen schlagen höher. Ohs und Ahs tönen von jeder Seite des Tisches. Jede einzelne Puppenseele wird überschenglich begrüßt. Wieder der Gong. Passend zum neuen Wetter gibt es ein indisches Menü, das uns wunderbar die Bäuche wärmt. (Unglaublicherweise wird das Essen mit jedem Tag noch ein bisschen besser.) Satt und zufrieden. Wieder abtauchen in die Mittagsruhe. Danach Puppennähfinale. Zeit für den letzten Schliff und alle offenen Wünsche. Laura leitet spontan die Herstellung ihres Puppenkleidklassikers an, ich zeige, wie aus einem rechteckigen Stück Stoff ein Bindebeutel für Habseligkeiten entsteht. Am Nachmittag gibt es Kuchen mit Rhabarber aus dem Garten von Ulrike, darauf haben wir uns die ganze Zeit gefreut. Weiter geht’s mit der Puppenkleiderschneiderei. Manche Frauen stellen eine ganze Garderobe her, können sich kaum trennen von ihren Werken und der Nähmaschine. Zum Abschluss danken wir unseren Händen mit einem Peeling unter freiem Himmel. Samtweiche Pfötchen, Kichern und ulkige Momente beim Abendessen. Wie im Schullandheim. Abends feiern wir Abschied auf der Veranda mit zwei Flaschen Wein und Reisegeschichten. Dieser Ort macht Lust auf mehr. Die Sonne geht unter. Mein Zaubermoment auf der Hollywoodschaukel. Im Workshopraum wird bis spät gewerkelt. Müdigkeit macht sich breit.

Der letzte Tag. Unser letztes gemeinsames Frühstück. Mit Sonntagsei. Es regnet in Strömen. Douglas macht trotzdem ein großartiges Abschlussbild von uns und den Puppen. Zurück im Trockenen werden sie alle noch einmal vorgestellt und willkommen geheißen. Wir lassen unsere vier Tage Revue passieren. So viele Eindrücke, so viele Bilder, so viele Geschichten. Leuchtende Augen. Weite Herzen. Lachen und Weinen. Taschentücher werden herumgereicht. Erste Anmeldungen für nächstes Jahr werden angekündigt. Den Termin habe ich schon auf dem Zettel. Ulrike und Douglas wollen uns und die Puppen auch gern wieder in ihrem Haus haben. Der Abschied naht. Vertraute Blicke. Warme Worte. Umarmungen im Hausflur. Der Regen strömt weiter. Da fahren sie alle wieder. Auch Laura und ich packen unsere Siebensachen. Großes Dankeschön an unsere Gastgeber, ein letzter Blick auf unser Refugium und glücklich erfüllt zurück in die Stadt.

Zehn Jahre und weiter

So ein Programm, das Miteinander von zwölf Personen, lässt sich nicht auf dem Reißbrett planen. Und doch ging unser Konzept mit allen Überlegungen und Gedankenspielen bestens auf und es war genauso, wie wir es uns gewünscht und erträumt hatten. Nur ein paar Punkte haben wir spontan vor Ort umgestellt: So fehlte für das Hörbuch am ersten Abend die Ruhe und die Verwöhnbehandlung für die Hände war perfekt für den Abschluss. Sonst haben wir es fließen lassen und sind mit dem gegangen, was sich in jedem Moment zeigte. Das war genau richtig. Und Laura wie immer meine beste Lehrerin in diesem Sein-Lassen. Es war für uns beide ein ganz herrliches und erfüllendes Erlebnis, rundum wunderbar und bereichernd.

In der Landpartie steckt mein ganzes Herzblut. Und zehn Jahre Erfahrung im Unterrichten. Bei meinem Zaubermoment auf der Hollywoodschaukel wurde mir auf einmal bewusst, dass jeder Kurs, den ich seit 2008 gegeben habe, jede Begegnung mit Puppennähverliebten, jede Puppe, die durch meine Hände ging, ja auch jedes Hoch und jedes Tief mich genau dahin geführt hatten, wo ich gerade war – an diesen traumhaft schönen Ort in der Natur, mit diesen tollen Menschen und der besten Co-Kursleiterin, die ich mir vorstellen kann, und der Gabe, Menschen über das Puppenhandwerk mit ihrer Seele in Kontakt zu bringen.

Nach zehn Jahren mit Mariengold empfinde ich meine Arbeit oft nicht mehr als etwas Besonderes, sondern eher als einen ganz normalen Beruf mit allen Schwierigkeiten und Herausforderungen, Glücksmomenten und Alltäglichkeiten. Das ist absolut in Ordnung und der Lauf der Dinge. Und doch braucht es ab und zu eine Erinnerung. Die bekomme ich immer wieder in meinen Kursen und eben jetzt bei der Landpartie. Dann spüre ich ganz deutlich, dass es doch viel mehr ist als ein Broterwerb. Nämlich eine Leidenschaft, ein tiefes Bedürfnis, eine Herzensangelegenheit. Es ist der zwischenmenschliche Kontakt im Hier und Jetzt, der mich immer wieder zurück zum Kern bringt.

Das ist auch auch der Grund, warum mir meine Kurse so wichtig sind und ich diesen Bereich weiter ausbauen werde. Immer und immer wieder möchte ich solche Räume echter Begegnung und kollektiver Kreativität schaffen. Das bringt Freude und ist zutiefst heilsam für uns Menschen. Damit möchte ich dienen, darin sehe ich meine Berufung.

Nächstes Jahr findet die Landpartie vom 23. bis 27. Mai statt. Alle Details findet ihr hier, einen tollen Artikel von unserer Teilnehmerin Maike hier und Lauras Bericht hier. Anmeldung an hello@mariengold.net.

© Bilder Maike Coelle, Laura Erceg-Simon und Maria Ribbeck


29. März 2017

FKK im Wohnzimmer

Letzten Samstag ging es für Laura und mich in die fünfte Runde unseres Filzkopfkurses, der im Sommer 2015, am heißesten Tag des Jahres, Premiere hatte. Obwohl die Zeichen dieses Mal nicht unbedingt auf Grün standen – Terminkollision im Theater am Schlachthof, nur vier Anmeldungen, Laura mitten im Ringelnatz und ich auf Hochtouren bei der Arbeit an meinem neuen E-Book -, entschieden wir uns, den Kurs trotzdem zu machen und so lud Laura mich und die filzvorfreudigen Frauen kurzerhand zu sich nach Hause in den Prenzlauer Berg ein.

Das gemeinsame Unterrichten ist uns eine große Freude und bis zur Landpartie im Juni nehmen wir gern jede Gelegenheit wahr, um zu üben, zu üben und nochmals zu üben. In den Genuss von Lauras Gastgeberinnenzauberei komme ich ja schon seit vielen Jahren, deshalb wusste ich, dass sie es ehrlich meinte, als sie die Teilnehmerinnen mit einem herzlichen „Fühlt euch wie zu Hause“ begrüßte. Und natürlich wurde es auch eine gemütliche, lustige, kreative, verplauderte, wonnige, leckerbissige und schaffensreiche Wohnzimmersession.

Unsere allhalbjährliche Befürchtung, in der Zwischenzeit das Filzen verlernt zu haben, bewahrheitete sich nicht. Ganz im Gegenteil, Laura und ich waren entspannt und fokussiert wie nie zuvor, die Zeit floss angenehm dahin und ohne ganz ohne Hektik, dafür mit viel Frühlingssonne und köstlicher Obsttorte, entstanden unter unserer Anleitung vier schöne Filzköpfe. Wir warnen die Frauen zu Beginn immer vor, der Kurs habe eher Werkstattcharakter und es brauche viel Geduld und Spucke, bis die Köpfe so werden wie gewünscht. Dieses Mal aber könnte jeder einzelne ohne weiteres zu einer kompletten Puppe weiterverarbeitet werden. So etwas macht Laura und mich natürlich auch stolz und glücklich.

Viel wichtiger sind uns jedoch die Begegnungen mit den Frauen, ihre Geschichten und ganz besonders die Puppen, die meist aus ihren Taschen herauslugen. Das öffnet die Herzen und schafft Verbindung. Und mit diesem Rückenwind tanzen die Filznadeln von ganz allein. Die meisten Frauen, die zu uns kommen, haben schon Erfahrung im Puppenmachen. Meist werkeln sie bereits seit Jahren mehr oder weniger allein im stillen Kämmerlein und stellen die schönsten Dinge für ihre Kinder, für Freunde und Bekannte oder für das Regal her. Sie sehnen sich nach Austausch und gegenseitiger Inspiration, nach Feedback und Mutmachworten oder einfach nach dem Gefühl, nicht allein oder kein Alien zu sein, wie es oft mit einem Augenzwinkern formuliert wird.

Einen Tag mit Gleichgesinnten zu verbringen, kann Wunder bewirken. Laura und ich können immer förmlich dabei zusehen, wie Leben in die Frauen kommt, wie ihre Augen zu leuchten und die Wangen zu glühen beginnen. Es wird viel gelacht und erzählt, auch in stiller Harmonie geschwiegen und schwer geschafft. Deshalb ist unsere Arbeit so wichtig und viel mehr als nur ein Broterwerb. Das ist der Grund, warum ich mittlerweile zwölf Kurse im Jahr plus zwei Filzkopfkurse und die Landpartie mit Laura anbiete. Weil es einen Bedarf gibt und weil so ein Erlebnis rundum glücklich macht, mich selbst natürlich auch. Puppennähen tut der Seele gut. Diesen Raum schaffen Laura und ich mit unserem Angebot. Alles andere geschieht dann fast von allein. Inmitten von Heiterkeit und Verbundenheit bahnen sich die Puppen auf magische Weise durch die Hände und Herzen der Frauen ihren Weg ins Leben und werden freudig begrüßt und von allen Seiten mit Liebe überhäuft.

Mehr zu unserem Filzkopfpuppenprojekt findet ihr hier, das Charlie Bo E-Book zur Herstellung unserer Filzkopfpuppe hier. Der nächste Kurs findet am 23. September statt. Anmeldung an hello@mariengold.net.

Unsere Landpartie für Puppennähverliebte ist bereits ausgebucht, es gibt aber eine Warteliste, für die ihr euch anmelden könnt.


27. September 2016

FKK mit Kastanienglanz und Weihnachtswichtel

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Als Laura und ich uns letzten Samstag auf den Weg zum Theater am Schlachthof machten, dem Veranstaltungsort unseres Filzkopfkurses, sie vom Prenzlauer Berg, ich von Zehlendorf aus, hatten wir beide die gleiche Idee: Kastanien sammeln. Der Morgen war sonnig und mild, die Luft frisch und voller Herbstwürze, die Kastanien leuchteten in tiefstem Rotbraun und vor uns lag Runde Vier unseres gemeinsamen Workshops. Mit gefüllten Jackentaschen und voller Vorfreude kam ich heiter und gut durchgewärmt im Friedrichshain an. Wie immer hatte Laura den Raum bereits wunderschön vorbereitet und eine gemütliche und einladende Atmosphäre geschaffen, Kaffee gekocht, Blumen hingestellt und an jedes Detail gedacht. So ein Empfang ist für mich, die ich bei meinen anderen Puppennähkursen immer allein für alles verantwortlich bin, ein großes Glück. Einfach anzukommen, meine Sachen auszupacken, einen Kaffee zu trinken und mit Laura zu plaudern, bevor es losgeht, ist der schönste Einstieg in so einen langen, kreativen Tag.

Dieses Mal waren wir eine eher kleine Runde von sieben Frauen, alle mit Erfahrungen in der Puppenmacherei, eine sogar zertifizierte Porzellanpuppenkünstlerin. Entsprechend entspannt lief der Kurs ab, auch wenn Laura und ich wie immer einige Male die Luft anhielten und uns im Stillen fragten, wie aus den üppigen Wollbergen jemals ansehnliche Puppenköpfe werden sollten. Diese Zweifel kannten wir schon vor den anderen Kursen und wussten (oder ahnten oder hofften), dass auch dieses Mal alles gut gehen würde. Trotzdem dachte ich, ach, hättest du in der Zwischenzeit doch wie eine Weltmeisterin gefilzt, kam aber letztlich wieder zu der Erkenntnis, dass dieser Kurs mit Laura für mich ein gute und wichtige Übung im Loslassen ist. Kontrolle gibt es hier nicht, stattdessen Hingabe an den Moment, die Bereitschaft, mit dem zu gehen, was ist, und zu vertrauen, dass alles genau richtig ist, wenn auch anders als vorgestellt oder gewünscht. Dann wird, nein, dann ist alles gut. Die Augen der Teilnehmerinnen strahlen sowieso die ganze Zeit, einfach weil es Spaß macht, miteinander zu handarbeiten, etwas Neues zu lernen, andere Puppennähverliebte kennenzulernen und einen aufregenden Tag in Berlin zu verbringen. Da nehmen die Filzköpfe wie von selbst Form an, begleitet von Lachen und Seufzen, Stirnrunzeln und Schmunzeln, Glücksgefühlen und Kekslaune. (Laura beschreibt das verflixte Filzen übrigens sehr schön hier.)

Tine hatte wieder ihren Weihnachtswichtel dabei, ein kleines Meisterwerk des mütterlichen Puppenerschaffens. Der fühlte sich pudelwohl zwischen den Kastanien und dem Blumenstrauß, die er sonst wohl nie zu Gesicht bekommt, weil er nur den Advent kennt. Auch die anderen mitgebrachten Puppen wurde geherzt und bewundert, angelacht und durch alle Hände gereicht. Es ist immer wieder ein Fest, diese Vielfalt zu sehen und die Freude der Frauen zu spüren, mit der sie an die neue Technik herangehen. Nicht immer kommt dabei ein perfekter Filzkopf heraus, aber darum geht es in unserem Kurs auch nicht. Vielmehr sehen wir ihn als Werkstatt, in dem nach Herzenslust probiert und experimentiert, gestaltet und gewerkelt, geschwatzt und auch geschmatzt werden darf, denn Kuchen und eine schöne Tasse Kaffee gehören bei uns immer dazu.

Auch nächstes Jahr öffnen wir unseren Werkraum im kleinsten Theater der Stadt wieder für euch. Dann findet unser Filzkopfkurs voraussichtlich im März und September statt. Die genauen Termine und der Anmeldebeginn folgen im November.

Es haben sich auch schon ganz viele Frauen für unser Puppenmacherei-Retreat auf Land gemeldet. Laura und ich freuen uns riesig über das große Interesse. Die Vorbereitungen sind bereits in vollem Gange und schon bald geht es damit hinaus in die Welt. Wenn ihr schon jetzt Lust habt, dabei zu sein, schreibt ganz unverbindlich an hello@mariengold.net. Dann erfahrt ihr die Neuigkeiten als erste.

Mehr zu unserem Filzkopfpuppenprojekt findet ihr hier, das Charlie Bo E-Book zur Herstellung unserer Filzkopfpuppe hier.


7. März 2016

FKK mit Zupfkuchen und Klebepünktchen

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Gut ein Jahr ist es jetzt her, dass meine Freundin Laura von 1000Rehe und ich so richtig in unser gemeinsames Projekt eingestiegen sind. Zuerst war da die Idee, zusammen einen Kreativ-Kurs zu veranstalten. Um gefilzte Puppenköpfe sollte es gehen und um ein neues Kurskonzept, eine Einladung an Menschen, die ihre Puppenmacherei weiterentwickeln und etwas Neues ausprobieren wollen. Schnell spannen wir den Faden weiter und so entstand noch vor dem allerersten Kurs im Sommer 2015 ein E-Book mit Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Herstellung unserer Filzkopfpuppe Charlie Bo.

Auch nach dem intensiven ersten Jahr unserer Zusammenarbeit erweist sich unser Doppel als echtes Dreamteam. Laura und ich ergänzen uns nicht nur hervorragend, auch ist es eine tolle Abwechslung, neben all den Kursen, die ich allein meistere, mit einer Freundin und Kollegin zusammenzuarbeiten. Was mir an Laura gefällt, sind ihre magische Hände, ihre entspannte Gelassenheit, ihre Erzählkunst und ihre Gabe, herrlich gemütliche Räume und ein wohliges Gefühl von Rundum-Willkommen-Sein zu zaubern. Laura wiederum sagt, sie schätze meinen klaren Kopf, mein Talent für Zahlen und Struktur und meine Lust am Konzipieren und Organisieren. Es passt also gut mit uns beiden.

Deshalb laden wir auch in diesem Jahr wieder herzlich zu unserem Filzkopfkurs im Berliner Friedrichshain ein. Der erste Termin fand vorletzten Samstag statt. Wieder reisten Frauen aus ganz Deutschland und sogar Österreich an. Aus dieser Vielfalt entstand im vergangenen Jahr schon die Idee, jede Teilnehmerin sich mit ihrem Wohnort auf einer großen Deutschlandkarte verewigen zu lassen. Irgendwann werden dort hoffentlich viele, viele bunte Klebepunkte zu sehen sein.

Laura und ich staunen immer wieder über das große Interesse an unserem Kurs und darüber, dass die Frauen teilweise wirklich weite Wege auf sich nehmen, um dabei zu sein. Auch freuen wir uns auch sehr, dass jedes Mal professionelle Puppenmacherinnen dabei sind, die wir sonst nur aus dem Internet kennen. Ebenfalls toll: Meist bringen die Frauen Puppen oder andere Wesen aus ihren Händen mit, die sich dann auf unserem grünen Samtsofa tümmeln und immer wieder für Gespräche, Streicheleinheiten, Liebesbekundungen und sogar die ein oder andere Bestellung zwischendurch sorgen.

Kunterbunt und fröhlich sind sie, unsere Runden im Theater am Schlachthof, der vielleicht kleinsten Off-Bühne der Stadt mit dem wohl am vielseitigsten genutzten Raum. Wir füllen ihn gern mit Leben und Lachen, Fadenresten und Wollmäusen, Stöhnen und Staunen, abgebrochenen Filznadeln und Kuchenkrümeln, Schnattern und Schweigen, Nähmaschinensurren und Rischrischrisch und vor allem vielen Ohs und Ahs für all die wunderbaren, liebenswerten und eigensinnigen Filzköpfe, die in stundenlanger Hingabe unter den Händen unserer abenteuerlustigen und furchtlosen Teilnehmerinnen entstehen.

Mehr zu unserem Filzkopfpuppenprojekt findet ihr hier, das Charlie Bo E-Book zur Herstellung unserer Filzkopfpuppe hier. Unser nächster und auch letzter Filzkopfkurs in diesem Jahr findet am Samstag, den 24. September statt. Details hier, Anmeldungen an hello@mariengold.net.


2. März 2016

Kids Kurs #2: Eine Puppe für die Kinder

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Meine Puppennäh-AG an einer Schule in Berlin schreitet voran. Seit Anfang Januar stelle ich mit sechs Mädchen und zwei Jungen einer 6. Klasse einfache Stoffpuppen her. Meine ersten Eindrücke dazu findet ihr hier.

Mittlerweile sind die Puppen fertig genäht. Wow! Dafür brauchte es sechs Freitagnachmittage à 1,5 Stunden, vier große Tüten Studentenfutter, unzählige „Maria, ist es richtig so?“, einen klitzekleinen Tiefpunkt meinerseits Mitte Februar, vor allem aber ganz viel Freude am gemeinsamen Werkeln mit Nadel und Faden, Stopfwolle und Trikotstoff, Puppenhaargarn und Buntstiften.

Bevor es morgen mit der Herstellung der Kleidung weitergeht, möchte ich euch heute ein bisschen von der speziellen Puppe erzählen, die ich mit den Kindern genäht habe.

Da ich überhaupt nicht wusste, welche Fähigkeiten die Mädchen und Jungen mitbringen, worauf sie Lust haben, wie hoch ihre Aufmerksamkeit am Freitag Nachmittag ist und was sie sich selbst zutrauen, war das größte Fragezeichen in der Planung natürlich die Puppe. Wie sollte sie aussehen? Wie groß sollte sie sein? Welche Techniken sollten zum Einsatz kommen? Soweit wie möglich vereinfachen oder nicht?

Einerseits wollte ich es den Kindern und mir so leicht wie möglich machen, andererseits wollte ich sie und auch mich ein bisschen herausfordern. Sie sollten Gelegenheit bekommen, etwas Neues zu lernen und ein bisschen über sich hinauszuwachsen. Dasselbe galt für mich: Ich wollte meine Komfortzone verlassen und neue Erfahrungen machen.

Schließlich entschied ich mich, die Puppe Pip aus meinem Portfolio als Grundlage für den neuen Entwurf zu verwenden. Pip ist eine ganz einfache Puppe. Sie hat einen klassisch gestalteten Kopf nach Waldorfart. Ihr Körper besteht aus einem Stück, wobei die Arme und Beine abgesteppt sind, damit sie gut beweglich sind und die Puppe auch sitzen kann. Hände und Füße sind gut ausgeprägt, andere Körperformen dagegen nur angedeutet. Alles so einfach wie möglich eben.

Aber es ging noch einfacher. Entsprechende Änderungen nahm ich an Schnitt, Technik und Herstellungsweise vor. Zum Beispiel reduzierte ich die Zahl der Abbindefäden am Kopf, ließ den Rumpf nicht so prall stopfen, damit die Kinder es leichter hatten beim Schließen der letzten Nähte, und zeigte ihnen, wie sie Augen und Mund ganz einfach mit Aquarellbuntstiften aufmalen konnten.

So entstanden Woche um Woche acht schlichte und einfache Puppen, deren einzelne Arbeitsschritte sich gut auf unsere anderthalbstündigen Termine aufteilen ließen. Manches fiel leichter als gedacht (der Matratzenstich, die Hals- und Schulternähte), anderes stellte sich als mittelgroße Herausforderung dar (das Absteppen der Arme und Beine). Manche Kinder benötigten viel Unterstützung und Ermutigung, andere arbeiteten selbständig und ohne viel Anleitung. Manche überraschten mich mit ihrer Hingabe und Ausdauer, Genauigkeit und Sorgfalt, wieder andere bewunderte ich für ihre Leichtigkeit und das Fehlen jeglichen Perfektionismus. Alle waren auf ihre ganz eigene Art und Weise dabei, frisch und fröhlich am Werkeln und rundum glücklich mit ihren Puppen am Entstehen und schließlich letzten Freitag in der Vollendung.

Einige Beobachtungen:

Von Anfang fanden die Kinder den Bauch der Puppe, die ich immer zur Anschauung dabei hatte, zu dick. Als es schließlich ans Füllen des Rumpfes ging, waren alle sehr zurückhaltend und formten eher schmale Bäuche.

Details wie ein Bauchnabel oder Ohren waren den Kindern nicht so wichtig. Die kleinen Näschen dagegen lösten größtes Entzücken aus.

Das Wort „Schwänzchen“ (im Sinne von Fadenende) ging gar nicht und löste bei den 11- bis 12-Jährigen jedes Mal unglaubliche Kicheranfälle aus. Meine Tochter, die auch in der AG dabei ist, bat mich irgendwann sogar ausdrücklich, es lieber nicht mehr zu verwenden.

Die Kinder sind begeistert (und auch ein bisschen stolz, glaube ich), dass ich auf meinem Blog über unseren Kurs schreibe. Allerdings wollen sie alle nicht, dass Fotos von ihnen im Internet veröffentlicht werden.

Zwei verschiedene Haarfarben waren der Hit bei den Kindern. Am besten gefällt mir die Kombination von Rosa und Pippi-Langstrumpf-Rot, die M. für die Puppe für ihre kleine Cousine auswählte.

Genauso experimentierfreundig waren sie bei der Gestaltung von Augen und Mund. Ganz anders als die Erwachsenen in meinen anderen Kurse schienen die Kinder überhaupt kein Muffensausen vor diesem Arbeitsschritt zu haben. Stattdessen griffen sie beherzt zu den Stiften und legten ohne Zögern los. Manche holten sogar ihr Mäppchen raus und malten die Gesichtsmerkmale mit Filzstiften auf.

Von der ersten bis zur letzten Naht hatten die Kinder Herzchen in den Augen. Jeden Freitag gibt es viele Liebesbekundungen, Pläne für die Puppenkleidung und die Verwendung oder Verschenkung der kleinen Goldstücke sowie aufgeregte Fragen nach weiteren Kursen. Was wiederum mein Herz zum Überquellen bringt.

Nicht nur Erwachsene, auch Kinder lieben es, Stoffe einzukaufen, zu sortieren und sich vorzustellen, was alles aus den Schätzchen entstehen könnte. (Ein bisschen Bammel habe ich allerdings schon vor der Puppenkleiderschneiderei im Klassenzimmer.)

Die Arbeit mit den Kindern ist eine große Bereicherung. Ich habe immer geglaubt, nicht besonders gut mit Kindern umgehen zu können. Aber das stimmt nicht. Und das macht mich gerade ganz glücklich.

Es geht auch anders. Ich habe es sehr genossen, den Fokus nicht auf Meisterschaft, sondern Machbarkeit für die Kinder zu legen. Puppen müssen nicht wahnsinnig fest gestopft sein. Und es ist ok, wenn eine Naht schief sitzt oder ein Faden nicht sauber vernäht ist. Die Kinder haben ihre Puppen auch so sehr, sehr lieb. Einfach weil sie sie mit ihren eigenen Händen angefertigt und dabei aus ihren Herzen geschöpft haben.

Mehr über das Puppennähen mit Kindern findet ihr hier.