9. März 2016

Interview: „Plötzlich ist alles möglich.“

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In der Puppennäh-AG, die ich seit Beginn des Jahres mit acht Kindern einer Berliner Schule veranstalte, sammle ich viele neue Beobachtungen und Erkenntnisse, Herzmomente und Freudebegegnungen. Was nicht heißt, dass ich mich danach nicht manchmal auch fix und fertig mit einer heißen Schokolade auf dem Sofa ins Wochenende hineinträume. Da tut es gut, mich ab und zu mit Menschen auszutauschen, die ebenfalls mit Kindern arbeiten.

Evelyn ist auch eine Puppenmacherin. Seit wir uns vor gut anderthalb Jahren persönlich kennengelernt haben, schreiben wir uns regelmäßig E-Mails und teilen unsere Gedanken zur Puppenmacherei. Evi gibt schon lange Handarbeitskurse für Kinder und bringt ganz viel Erfahrung mit. Also auf zum Interview unter Berliner Kolleginnen!

Liebe Evi, bitte stell dich und deine Arbeit als Puppenmacherin kurz vor.
Ich bin Evelyn und Mutter einer Tochter. Unter meinem Label daskleinekra biete ich liebenswerte, handgemachte Puppenkinder, Anleitungen und Kleidungsstücke für Puppen und Kinder an. Außerdem gebe ich in Berlin verschiedene Handarbeitskurse für kleine und große Menschen sowie Puppengeburtskurse. Am Puppenhandwerk schätze ich, dass es den Reichtum verschiedener Handarbeitstraditionen in sich vereint. Auf meinem Blog veröffentliche ich auch Texte über meine Puppen und stelle passend zu diesen z. B. wissenschaftliche Märcheninterpretationen vor. Schon als Kind habe ich selbst Puppen genäht und mich kreativ frei ausprobieren dürfen. Eine Ausbildung zur Damenschneiderin in einem richtig klassischen Atelier an der Bergstraße folgte. Anschließend habe ich in Berlin studiert, allerdings in eine ganz andere Richtung. In meiner Familie ist es seit jeher Tradition, sich mit Selbstgemachtem zu den Festtagen zu überraschen und so stand für mich fest, als meine Tochter im passenden Alter war: Puppe und Herd mache ich selbst! Die alte Liebe zur Puppenmacherei wiederentdeckt, folgten noch weitere Puppen, bis ich mich 2013 entschloss, diese auch gewerblich herzustellen.

Wie bist du auf die Idee gekommen, Handarbeitskurse für Kinder zu veranstalten?
Im Grunde kamen die Handarbeitskurse zu mir. In der kleinen Grundschule meiner Tochter, in der AGs auch von Eltern geleitet werden, bat mich die Lernbegleiterin eines Tages, den Kindern zu zeigen, wie man einen Knopf annäht, mit dem Hinweis, wir seien dann bestimmt eine Stunde beschäftigt. Von da an wollte ich nicht mehr auf die Arbeit mit Kindern verzichten und gab an dieser Schule mehrere Jahre Handarbeitskurse für jeweils zehn Kinder zwischen 5 und 8 Jahren.

Bitte erzähle ein bisschen von deinen Kinderkursen.
Meine Kurse gebe ich mittlerweile in der gemütlichen Werkstatt von Frau Wolle, in der auch meine Puppennähkurse stattfinden. Die wöchentlichen Handarbeitskurse biete ich für Kinder zwischen 5 und 10 Jahren an, ebenso Nähmaschinenkurse für Kinder ab 9 Jahren in kleinen fortlaufenden Gruppen mit bis zu acht Kindern. Die Eltern sind dabei nicht anwesend und wurden bisher auch nicht vermisst. Eine Kursstunde dauert 90 Minuten, dadurch bleibt genügend Zeit zum Ankommen und für eine vielgeliebte Teepause mit Keksen zwischendurch. Den Kindern tut die Pause gut und sie hält die Aufmerksamkeit wach. Das spüren die Kinder mitunter selbst und auch dafür ist Raum: Die Jüngeren malen nach einer Pause manchmal einfach nur noch ein Bild, andere gehen nach der Kekspause mit neuer Frische ans Werk. Aufeinander aufbauend  vermittle ich an kleinen, anfangs sehr einfachen Projekten klassische Techniken: Wie kann ich Filzfasern zupfen, wie eine Kugel filzen, wie diese Kugel besticken. Mehrere Projekte mit einem Werkstoff schaffen einen Überblick. Die Wahl der Projekte findet gemeinsam mit den Kindern statt, das Interesse der Kinder ist unglaublich breit gefächert. Plötzlich ist alles möglich. Ein tolles Gefühl und zwar für jedes einzelne Kind! Bevor wir beginnen, erläutere ich kurz, was wir wie herstellen und womit gearbeitet wird und binde die Kinder durch kleine Fragen ein. Die jeweiligen Arbeitsschritte führe zunächst ich aus und die Kinder lernen durch Nachahmung. Ihrem individuellen Gestaltungswillen möchte ich möglichst freien Lauf lassen. An diesem Punkt unterstütze ich die Kinder durch kleine Hilfen und Ermutigung. Ich ermuntere die Kinder auch, sich gegenseitig zu helfen. Das geht manchmal auch gar nicht anders, da ich sowieso ständig in Bewegung bin. So lernen sie ganz nebenbei, die eigene Arbeit und die der anderen zu achten. Je nach Gruppe ist es möglich, an Projekten zu arbeiten, die sich über mehrere Termine erstrecken. In den altersheterogenen Gruppen versuche ich, komplexeres Vorgehen einzubauen, um den Aufwand der Arbeit an die Kinder anzupassen.

Was gefällt dir am besten an der Arbeit mit Kindern? Und was ist die größte Herausforderung?
In jeder Stunde wird gelacht! Kinder sind direkt, unverfälscht. Gemeinsam wird geschaffen und unverhohlener Stolz gezeigt. Diese Arbeitsatmosphäre ist wirklich etwas ganz Besonderes. Die spontane und freie Herangehensweise von Kindern an das Element mag ich auch sehr, sie motiviert ungemein. Gleichzeitig eine Herausforderung: Kinder haben eine Idee im Kopf und wollen es genauso haben, jetzt und sofort. Sich mit Zeit und allen Sinnen auf das sorgfältig ausgesuchte Material einzulassen, aber auch die eigene Fortschritte zu sehen, ist eine Übungssache. Die Kinder bekommen ein Gefühl für den jeweiligen Werkstoff, üben ihre Handgeschicklichkeit und Geduld. Dieses Wissen lassen sie nicht wieder los. Wie durch Zauberhand entsteht unter den Händen der Kinder ihr eigenes Ding. Dabei sein zu dürfen, ist ein Geschenk. Die meisten Kinder in meinem jetzigen Handarbeitskurs gehen auf staatliche Schulen und haben dort keinen Handarbeitsunterricht. Manche Kinder sagen mir, dass sie sich die ganze Woche auf die Zeit in der Werkstatt gefreut haben. Das sind Sätze, die beflügeln! Es gibt Kinder, die unglaublich sorgfältig jeden Arbeitsschritt absolvieren, und es gibt die schnell arbeitenden Kinder, die einfach fertigstellen wollen. Zwischen diesen beiden Arbeitsweisen zu vermitteln, jeden sein eigenes Tempo finden zu lassen und die eigene Arbeit wertzuschätzen, ist mitunter nicht leicht. Wenn die Kinder zu mir in die Werkstatt kommen, liegt meist schon ein langer Schultag hinter ihnen. Manchmal ist es eine große Herausforderung, allen Geschichten und Ideen ein Ohr zu schenken.

Was würdest du Menschen empfehlen, die Kreativ-Kurse mit Kindern veranstalten möchten? Hast du ein paar Tipps?

Wichtige Sicherheitsregeln regelmäßig kurz am Anfang der jeweiligen Stunde besprechen und von den Kindern wiederholen lassen, bis sie verinnerlicht sind. Gute natürliche Materialien halte ich für wichtig. Ist der Rohstoff hochwertig, begegnet man ihm und seinem eigenen Werk mit Respekt. Feines Material schafft wertvolle haptische Erfahrungen und Lust auf Verarbeitung. Man sollte für sich klären, wie frei die Kinder ein Projekt umsetzten können oder ob alle das Gleiche machen. Niemals darf die Arbeit der Kinder gewertet werden. Begeisterung zu zeigen und besondere Geduld, Anstrengung etc. anzuerkennen, sind ebenso wichtig. Für jüngere Kinder sind kleine Geschichten hilfreich, die als Einleitung oder während des ruhigen Arbeitens erzählt werden können. Kurze einfache Sätze. Häufige Wiederholungen.

Merci, liebe Evi, für deine Antworten und weiterhin viel Freude mit den Kindern in deinen Kursen!

Mehr zum Thema Puppennähen mit Kindern findet ihr hier.

(Disclaimer: Aufgrund der derzeitigen Rechtslage, die schon das bloße Nennen von Marken und Verlinken von Produkten, Marken, Menschen, Orten usw. als Werbung einstuft, kennzeichne ich diesen Beitrag als einen mit WERBLICHEN INHALTEN. Dennoch gilt: Wenn ich hier etwas oder jemanden benenne und als gut befinde, geschieht das als persönliche Empfehlung und im Rahmen meiner redaktionellen Themenauswahl. Alle hier gesetzten Links sind ein kostenloser Service von mir – unbezahlt und unaufgefordert. Alle hier genannten Produkte sind selbst gekauft. Bezahlte Kooperationen, sollte es sie jemals auf meinem Blog geben, würden immer ganz eindeutig als solche gekennzeichnet werden.)


2. März 2016

Kids Kurs #2: Eine Puppe für die Kinder

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Meine Puppennäh-AG an einer Schule in Berlin schreitet voran. Seit Anfang Januar stelle ich mit sechs Mädchen und zwei Jungen einer 6. Klasse einfache Stoffpuppen her. Meine ersten Eindrücke dazu findet ihr hier.

Mittlerweile sind die Puppen fertig genäht. Wow! Dafür brauchte es sechs Freitagnachmittage à 1,5 Stunden, vier große Tüten Studentenfutter, unzählige „Maria, ist es richtig so?“, einen klitzekleinen Tiefpunkt meinerseits Mitte Februar, vor allem aber ganz viel Freude am gemeinsamen Werkeln mit Nadel und Faden, Stopfwolle und Trikotstoff, Puppenhaargarn und Buntstiften.

Bevor es morgen mit der Herstellung der Kleidung weitergeht, möchte ich euch heute ein bisschen von der speziellen Puppe erzählen, die ich mit den Kindern genäht habe.

Da ich überhaupt nicht wusste, welche Fähigkeiten die Mädchen und Jungen mitbringen, worauf sie Lust haben, wie hoch ihre Aufmerksamkeit am Freitag Nachmittag ist und was sie sich selbst zutrauen, war das größte Fragezeichen in der Planung natürlich die Puppe. Wie sollte sie aussehen? Wie groß sollte sie sein? Welche Techniken sollten zum Einsatz kommen? Soweit wie möglich vereinfachen oder nicht?

Einerseits wollte ich es den Kindern und mir so leicht wie möglich machen, andererseits wollte ich sie und auch mich ein bisschen herausfordern. Sie sollten Gelegenheit bekommen, etwas Neues zu lernen und ein bisschen über sich hinauszuwachsen. Dasselbe galt für mich: Ich wollte meine Komfortzone verlassen und neue Erfahrungen machen.

Schließlich entschied ich mich, die Puppe Pip aus meinem Portfolio als Grundlage für den neuen Entwurf zu verwenden. Pip ist eine ganz einfache Puppe. Sie hat einen klassisch gestalteten Kopf nach Waldorfart. Ihr Körper besteht aus einem Stück, wobei die Arme und Beine abgesteppt sind, damit sie gut beweglich sind und die Puppe auch sitzen kann. Hände und Füße sind gut ausgeprägt, andere Körperformen dagegen nur angedeutet. Alles so einfach wie möglich eben.

Aber es ging noch einfacher. Entsprechende Änderungen nahm ich an Schnitt, Technik und Herstellungsweise vor. Zum Beispiel reduzierte ich die Zahl der Abbindefäden am Kopf, ließ den Rumpf nicht so prall stopfen, damit die Kinder es leichter hatten beim Schließen der letzten Nähte, und zeigte ihnen, wie sie Augen und Mund ganz einfach mit Aquarellbuntstiften aufmalen konnten.

So entstanden Woche um Woche acht schlichte und einfache Puppen, deren einzelne Arbeitsschritte sich gut auf unsere anderthalbstündigen Termine aufteilen ließen. Manches fiel leichter als gedacht (der Matratzenstich, die Hals- und Schulternähte), anderes stellte sich als mittelgroße Herausforderung dar (das Absteppen der Arme und Beine). Manche Kinder benötigten viel Unterstützung und Ermutigung, andere arbeiteten selbständig und ohne viel Anleitung. Manche überraschten mich mit ihrer Hingabe und Ausdauer, Genauigkeit und Sorgfalt, wieder andere bewunderte ich für ihre Leichtigkeit und das Fehlen jeglichen Perfektionismus. Alle waren auf ihre ganz eigene Art und Weise dabei, frisch und fröhlich am Werkeln und rundum glücklich mit ihren Puppen am Entstehen und schließlich letzten Freitag in der Vollendung.

Einige Beobachtungen:

Von Anfang fanden die Kinder den Bauch der Puppe, die ich immer zur Anschauung dabei hatte, zu dick. Als es schließlich ans Füllen des Rumpfes ging, waren alle sehr zurückhaltend und formten eher schmale Bäuche.

Details wie ein Bauchnabel oder Ohren waren den Kindern nicht so wichtig. Die kleinen Näschen dagegen lösten größtes Entzücken aus.

Das Wort „Schwänzchen“ (im Sinne von Fadenende) ging gar nicht und löste bei den 11- bis 12-Jährigen jedes Mal unglaubliche Kicheranfälle aus. Meine Tochter, die auch in der AG dabei ist, bat mich irgendwann sogar ausdrücklich, es lieber nicht mehr zu verwenden.

Die Kinder sind begeistert (und auch ein bisschen stolz, glaube ich), dass ich auf meinem Blog über unseren Kurs schreibe. Allerdings wollen sie alle nicht, dass Fotos von ihnen im Internet veröffentlicht werden.

Zwei verschiedene Haarfarben waren der Hit bei den Kindern. Am besten gefällt mir die Kombination von Rosa und Pippi-Langstrumpf-Rot, die M. für die Puppe für ihre kleine Cousine auswählte.

Genauso experimentierfreundig waren sie bei der Gestaltung von Augen und Mund. Ganz anders als die Erwachsenen in meinen anderen Kurse schienen die Kinder überhaupt kein Muffensausen vor diesem Arbeitsschritt zu haben. Stattdessen griffen sie beherzt zu den Stiften und legten ohne Zögern los. Manche holten sogar ihr Mäppchen raus und malten die Gesichtsmerkmale mit Filzstiften auf.

Von der ersten bis zur letzten Naht hatten die Kinder Herzchen in den Augen. Jeden Freitag gibt es viele Liebesbekundungen, Pläne für die Puppenkleidung und die Verwendung oder Verschenkung der kleinen Goldstücke sowie aufgeregte Fragen nach weiteren Kursen. Was wiederum mein Herz zum Überquellen bringt.

Nicht nur Erwachsene, auch Kinder lieben es, Stoffe einzukaufen, zu sortieren und sich vorzustellen, was alles aus den Schätzchen entstehen könnte. (Ein bisschen Bammel habe ich allerdings schon vor der Puppenkleiderschneiderei im Klassenzimmer.)

Die Arbeit mit den Kindern ist eine große Bereicherung. Ich habe immer geglaubt, nicht besonders gut mit Kindern umgehen zu können. Aber das stimmt nicht. Und das macht mich gerade ganz glücklich.

Es geht auch anders. Ich habe es sehr genossen, den Fokus nicht auf Meisterschaft, sondern Machbarkeit für die Kinder zu legen. Puppen müssen nicht wahnsinnig fest gestopft sein. Und es ist ok, wenn eine Naht schief sitzt oder ein Faden nicht sauber vernäht ist. Die Kinder haben ihre Puppen auch so sehr, sehr lieb. Einfach weil sie sie mit ihren eigenen Händen angefertigt und dabei aus ihren Herzen geschöpft haben.

Mehr über das Puppennähen mit Kindern findet ihr hier.


29. Februar 2016

Aus meiner Puppenreparaturwerkstatt: Eddas Puppe

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Vor einigen Monaten erzählte mir eine liebe Stammkundin von Edda, der Puppe, die ich vor bald drei Jahren für ihre Tochter angefertigt hatte. Die Puppe wurde heiß geliebt und viel bespielt, zeigte aber leider starke Abnutzungserscheinungen. Der Stoff an Händen, Füßen und Gesicht war dünn und löchrig geworden. Da halfen auch keine Flickversuche mehr. Ich bat die Kundin, mir die Puppe nach Berlin zu schicken, damit ich mir selbst ein Bild machen und wenn möglich eine Reparatur vornehmen konnte.

Beim Wiedersehen mit Edda ging mir richtig das Herz auf! Ich war gerührt, weil der Puppe so sehr anzusehen war, dass sie unendlich geliebt und bespielt wurde. Trotz der Löcher sah sie gepflegt, gut umsorgt und wertgeschätzt aus. Ihre Kleider waren wunderschön und mir kamen fast die Tränen beim Anblick der kleinen Wollstrümpfchen, die die abgeriebenen Füße schützten.

Den Kummer meiner Kundin und ihrer Tochter konnte ich gut nachvollziehen und wollte gern die Verantwortung übernehmen und sehen, was sich machen ließe.

Eigentlich war es ganz einfach. Zuerst rettete ich das Puppenhaar, das noch völlig in Ordnung war, und löste vorsichtig das Perückenkäppchen vom Kopf. Dann entfernte ich den Kopf vom Körper und ersetzte ihn durch einen neuen. Stickte Augen und Mund in denselben Farben. Befestigte wieder den alten Haarschopf. Hauchte der Puppe mit etwas roter Farbe neues Leben ein. Und schon blinzelte Edda mich wieder fröhlich an.

Die Puppe machte sich gleich auf den Weg zurück zu seinem Kind. Und wie ich kurz darauf hörte, wurde sie freudig empfangen und glücklich in die Arme geschlossen. Alles gut gegangen.

Ein bisschen rätselhaft finde ich es aber noch immer, dass der Stoff an Eddas Körper schon nach relativ kurzer Spielzeit so verschlissen war. Hatte ich doch bereits Puppen von mir aus denselben Zutaten gesehen, die deutlich älter und zerliebt zwar, aber dennoch ziemlich gut in Schuss waren.

Und doch, es musste am Material liegen. An dem Stoff, auf den ich seit Jahren schwöre, den ich für einen der besten in Europa, vielleicht sogar auf der Welt halte, und den viele andere Puppenmacherinnen ebenfalls verwenden. Mangelnde Qualität? Ich weiß es nicht.

Puppen aus natürlichen Materialien verändern sich mit der Zeit. Sie werden weicher und ihr Stoff wird grau und schmutzig. Nach einer gründliche Wäsche sehen sie aber gleich viel besser aus (eine ausführliche Anleitung dazu findet ihr in meinen FAQ). Bei dieser Gelegenheit können die Puppen auch auf offene Stellen und Beschädigungen untersucht werden. Das meiste lässt sich leicht flicken und ausbessern.

Schmutz und kleinere Schäden tun der Liebe der Kinder zu ihren Puppen meist keinen Abbruch, ganz im Gegenteil: Ihre Herzen sind so groß und offen auch und vor allem für alles Unperfekte, Bedüftige, Schadhafte, Beschützenswerte, Verletzliche. Mein kleiner Lieblingstipp an dieser Stelle: Regelmäßig das Wangenrot auffrischen – das gibt den Puppen sofort neues Leben und erfreut die Kinder.

Alle Details zu meinem Reparaturangebot findet ihr hier, weitere Beiträge zum Thema hier.


17. Februar 2016

Wochenmitte unter Stuckgold und Kronleuchtern

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Seit Anitas Umzug aufs Land sind unsere 8Hände-Treffen leider ein seltenes Vergnügen geworden. Dafür klappt es jetzt umso spontaner, wenn sie zu Besuch in der Stadt ist. Dann lassen auch die übrigen Berlinerinnen Nadel und Faden, Clownsnase und Ukulele, Malerhut und Farbrolle fallen, um sich auf ein Frühstück unter Freundinnen und Puppenmacherinnen zu treffen.

Dieses Mal ging es ins P103 Mischkonzern in der Potsdamer Straße in Schöneberg, keine Ecke, die für ihre Schönheit bekannt ist. Dafür hat uns das Café mit seinen imposanten Decken und Gemälden, den riesigen Vitrinen und antiken Möbeln und einem alten Flügel mitten im Raum umso besser gefallen. Ich bin jedes Mal von dem kunstvollen Ambiente beeindruckt und nehme mir vor, mal am Abend zu kommen, denn dann soll die Küche ausgezeichnet sein. Dazu gibt es regelmäßig kulturelle Veranstaltungen.

Etwas Ähnliches haben wir nach ausgiebigem Schmaus und Plausch später auch mit unseren Puppen abgehalten. Ich würde ja unsere Runde nur allzu gern einmal von außen betrachten. Wer sind diese vier Frauen? Was fotografieren sie die ganze Zeit? Und was hat es mit den Puppen auf sich?

Das große Puppen-Hallo ist jedes Mal das Highlight unserer Treffen. Meist kennen wir die Puppen der anderen nur aus dem Internet und stellen immer wieder begeistert fest, dass diese in natura noch viel schöner sind und sich ganz wunderbar anfühlen. Und es ist auch viel besser, sich bei Kaffee und Croissants auszutauschen als nur per E-Mail und am Telefon. Gemeinsam lachen, Erfahrungen teilen, Rat holen, auch mal meckern und maulen, trösten, Pläne schmieden – ich genieße jede Minute.

Wir freuen uns riesig auf den Sommer, wenn wir Anita in ihrem neuen Nest besuchen, gemeinsam werkeln und endlich mal ganz viel Zeit miteinander haben werden. Und wir zählen die Tage bis zu unserem nächsten Treffen, dann in Julias nigelnagelneuem Atelier in Karlshorst (Stichwort Malerhut und Farbrolle)!

P103 Mischkonzern, Potsdamer Straße 103, 10785 Berlin.

Mehr von 8Hände findet ihr hier.


15. Februar 2016

Interview: „Es ist so einfach, die Kinder in der Handarbeit glücklich zu machen!“

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Seit Beginn des Jahres veranstalte ich an der Schule meiner Tochter eine kleine, feine Puppennäh-AG, von der ich hier schon einmal erzählt habe. Dass ich den Kurs mit Kindern aus der 6. Klasse mache, ist eine ganz bewusste Entscheidung, denn in der Regel steht in dieser Klassenstufe an der Waldorfschule die Puppenmacherei auf dem Lehrplan des Handarbeitsunterrichts.

Nun ist meine AG kein Unterricht und ich bin auch keine Waldorflehrerin, deshalb gehe ich ganz frei an die Arbeit mit den Kindern und den Puppen heran. Dennoch war ich neugierig und wollte erfahren, was es mit der Puppenmacherei in der 6. Klasse auf sich hat, nicht nur praktisch, sondern auch theoretisch.

Dafür habe ich Kathi zum Interview gebeten, eine angehende Waldorf-Handarbeitslehrerin aus Süddeutschland, die in ihrer Puppenwerkstatt Traumtanz auch selbst Puppen näht und viele andere schöne Dinge herstellt. Mit ihr sprach ich über die Bedeutung der Handarbeit an der Waldorfschule, die geistigen Grundlagen der Puppenmacherei in der 6. Klasse und die Freude am Tun mit den Kindern.

Liebe Kathi, bitte stell dich und deinen Hintergrund als Waldorflehrerin und Puppenmacherin kurz vor.
Nach der Geburt meines dritten Kindes habe ich begonnen, für den Weihnachtsmarkt unseres Kindergartens Puppen und Engel herzustellen. Die Auftragslage war gut, also habe ich ein Gewerbe angemeldet und neben meiner Tätigkeit als Mutter immer Waldorfpuppen, Engel und Blumenkinder genäht. Nach mehreren Umzügen und der Geburt eines weiteren Kindes sind wir an unserer jetzigen Waldorfschule gelandet. Dort habe ich einige Puppenkurse gegeben und viel Elternarbeit geleistet, so dass die Schule mich ansprochen hat, ob ich mir vorstellen könnte, Handarbeitslehrerin zu werden. Die Ausbildung, die ich bereits mitbrachte, wurde vom Kultusministerium anerkannt. Um den waldorfpädagogischen Teil zu erlernen, habe ich im letzten Jahr das Lehrerseminar an der Rudolf Steiner Schule in Nürnberg besucht.

Welche Bedeutung hat der Handarbeitsunterricht in der Waldorfpädagogik?
Dem Handarbeitsunterricht wie auch allen anderen künstlerisch-praktischen Fächern wird an der Waldorfschule ein hoher Stellenwert beigemessen. Rudolf Steiner, der Begründer der ersten Waldorfschule, ging davon aus, dass der Geist nur durch praktische Tätigkeiten mit den Armen und auch den Beinen (z. B. in der Eurythmie) gebildet werden kann. Laut Steiner ist der Intellekt mit der Beweglichkeit der Hände gekoppelt. Deshalb werden an der Waldorfschule viele handwerkliche Fächer unterrichtet. Der Handarbeitsunterricht findet bis in die elfte Klasse hinein statt.

Warum werden gerade in der 6. Klasse Puppen genäht?
Der Lehrplan für Handarbeit wurde von der ersten Handarbeitslehrerin Hedwig Hauck entwickelt und von Rudolf Steiner genehmigt. Bei Tobias Richter ist zu lesen, dass im 6. Schuljahr Puppen und Tiere genäht werden. Er spricht davon, dass das Nähen dieser Lebewesen zur Gemütsverfassung des Kindes in der Vorpubertät passe. Hervorzuheben sind dabei das Umstülpen der Puppe oder des Tieres, also ein Nach-außen-Tragen des Inneren des Kindes, sowie das Ausstopfen und Ausformen mit Wolle von innen heraus. Steiner spricht davon, dass das Kind im 12. Lebensjahr in eine neue Entwicklungsphase eintritt. In diesem Alter verstärkt sich das Geistig-Seelische, das ebenfalls von innen heraus gebildet wird, also den physischen Leib von innen nach außen durchdringt. Analog dazu wird auch die Puppe von innen nach außen aufgebaut und ausgestopft. Dadurch wird sie vom Kind durchseelt und lässt später auch sein Temperament in ihr erkennen. Der Handarbeitsunterricht der 6. Klasse knüpft an die Menschen- und Tierkundeepoche der beiden vorhergehenden Klassenstufen an. Das Kind ist jetzt im richtigen Alter, Tier und Puppe, also die Arbeit an der menschlichen Gestalt, in bewusster Weise lebendig zu gestalten, während es vorher eher gefühlsmäßig mit dem Tier verbunden war. Es wird immer mit dem Nähen des Tieres begonnen, erst danach wird die Puppe hergestellt. Denn es soll nicht der äußerlich sichtbare Mensch in den Mittelpunkt gerückt werden, was in den Kindern eine ungesunde Eitelkeit hervorrufen könnte. Bei den Puppen kommt noch eine andere Bedeutung hinzu: Die Kleidungsstücke, die im Kleinen für die Puppen angefertigt werden, nähen die Kinder in der Schneiderepoche ein paar Jahre später für sich selbst. So gelingt der Bogen vom Spiel zu nutzbringender Arbeit.

Bitte erzähle ein bisschen von der Puppenmacherei im Handarbeitsunterricht.
In diesem Schuljahr unterrichte ich noch nicht selbst, sondern begleite als Praktikantin die Handarbeit in allen Klassenstufen. Die Kinder gehen mit großem Eifer an die Arbeit an ihren Puppen und Tieren heran. Bisher habe ich noch keine negativen Äußerungen gehört, vielmehr ist die Puppen- und Tiermacherei akzeptierter Bestandteil der Handarbeit. Das hat mich am Anfang wirklich verwundert, weil die Kinder in diesem Alter ja meist nicht mehr mit Puppen und Stofftieren spielen. Dafür haben sie schon Pläne, wer die Puppe später einmal bekommen soll. Ungewohnt für die Kinder ist die anstrengende Arbeit mit den Händen. Das kräftige Ausstopfen ist eine große Herausforderung, die es zu meistern gilt. Oft wird im Handarbeitsunterricht mal laut und mal leise geredet. Bei der Herstellung der Köpfe aber könnte man eine Stecknadel fallen hören! Die Kinder sind hochkonzentriert bei der Sache. Jeder möchte den schönsten Kopf machen. Das beeindruckt mich wirklich sehr. An unserer Schule arbeiten wir in der 6. Klasse bis Fasching an den Tieren und beginnen dann mit den Puppen. Wir erklären den Kindern jeden einzelnen Arbeitsschritt und schreiten dann zur Tat. Begonnen wird mit dem Wickeln des Rückrates, um den Kopf zu stabilisieren. Wer selber Puppen macht, weiß, das es eine Kunst ist, die Puppen so stabil zu arbeiten, dass sie später keinen Wackelkopf bekommen. Auf dem Rückrat formen wir mit Schafwolle den Kopf und überziehen ihn mit Schlauchverband. Anschließend wird er abgebunden und mit Stoff überzogen. Die Beine und der Oberkörper werden aus einem Stück Stoff genäht, umgestülpt, ausgestopft und abgebunden. Der Oberkörper wird auf dem Rückrat des Kopfes aufgebaut. Hier werden auch fertig gestopften Arme angebracht. Anschließend wird der Bauch mit Stoff überzogen und alles zugenäht. Zum Schluss bekommt die Puppe noch Augen, Mund und Haare aufgestickt. Und als Letztes steht Herstellung der Kleidung auf dem Programm.

Was gefällt dir am besten an der Arbeit mit den Kindern? Und was ist die größte Herausforderung?
Ich liebe die Kinder sehr. In jedem Kind steckt ein ganz besonderer Diamant und der muss erst entdeckt werden. Jedes Kind hat eine Frage an seine Lehrerin oder seinen Lehrer und die gilt es zu ergründen. Was möchte das Kind von uns? Was braucht es? Wie können wir ihm helfen? Die Arbeit mit Kindern ist so vielschichtig. Kein Tag ist wie der andere. Immer bin ich auf alles gefasst, komme an meine Grenzen und muss meine eigenen Ideale und Regeln hinterfragen und neu erarbeiten. Es wird niemals langweilig. Ich wachse und lerne von Tag zu Tag. Manchmal denke ich, nicht ich bin die Lehrerin. Denn ich lerne viel mehr von meinen Schülerinnen und Schülern. Besonders mag ich es, wenn Kinder über die Handarbeit erst motzen und später doch voller Stolz ihre fertigen Arbeitsstücke in der Hand halten. Es ist so einfach, die Kinder in der Handarbeit glücklich zu machen!

Was würdest du Menschen empfehlen, die Puppen mit Kindern nähen möchten? Hast du ein paar Tipps?
Es ist wichtig, sich klar zu sein, was man selber möchte und nicht möchte. Diese Klarheit spüren die Kinder und können dadurch alles, was man ihnen sagt, voll und ganz akzeptieren. Dann respektieren sie einen als Autorität und lassen sich gern helfen. Auch fachliche Kompetenz achten sie. Die Arbeit an der Puppe muss in viele kleine Arbeitsschritte zerlegt werden, die gut nacheinander erledigt werden können. Diese Strukturierung ist von großem Vorteil sowohl für die Lehrerin oder den Lehrer als auch für die Kinder. Gemeinsames Beginnen und Abschließen der Handarbeitsstunde fördert das konzentrierte Arbeiten. Außerdem würde ich immer loben, loben, loben. Lieber einmal zu viel gelobt als einmal unachtsam gewesen sein. Wenn man selber von seiner Arbeit begeistert ist, schafft man es auch gut, die Kinder mitzunehmen.

Vielen Dank, liebe Kathi, für das Interview und weiterhin viel Freude mit deinen Schülerinnen und Schülern und der Handarbeit!

Mehr zum Thema Puppennähen mit Kindern findet ihr hier.

(Disclaimer: Aufgrund der derzeitigen Rechtslage, die schon das bloße Nennen von Marken und Verlinken von Produkten, Marken, Menschen, Orten usw. als Werbung einstuft, kennzeichne ich diesen Beitrag als einen mit WERBLICHEN INHALTEN. Dennoch gilt: Wenn ich hier etwas oder jemanden benenne und als gut befinde, geschieht das als persönliche Empfehlung und im Rahmen meiner redaktionellen Themenauswahl. Alle hier gesetzten Links sind ein kostenloser Service von mir – unbezahlt und unaufgefordert. Alle hier genannten Produkte sind selbst gekauft. Bezahlte Kooperationen, sollte es sie jemals auf meinem Blog geben, würden immer ganz eindeutig als solche gekennzeichnet werden.)