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Reisetagebuch: Die Schmetterlingsfrau

In Verbindung kommen, das war mein Wunsch, als ich euch Mitte Februar fragte, was euch interessiert, was ihr sucht, wenn ihr diesen Ort hier besucht. Viele Fragen haben mich daraufhin erreicht, Ermunterungen, Zuspruch, Worte, die von Herzen kommen und mich berühren. Was wir gemeinsam haben, ist unser Wunsch nach einer authentischen und erfüllten beruflichen Selbständigkeit. Ich schreibe mein Internettagebuch auch in der Hoffnung, dass ich euer Vertrauen in euren persönlichen Weg stärken kann, indem ich mit euch teile, was ich selbst auf meinem Weg erfahren und gelernt habe. Das ist auch der Impuls für mein Reisetagebuch, in dem ich hier Stück für Stück von meinem Weg erzählen möchte.

Die Geburt meiner Tochter im Sommer 2004 und das erste Jahr als Familie brachten entscheidende Impulse für eine neue Orientierung meiner Lebensgestaltung. In dieser Zeit erwachte aus dem Herzen und einem Alltagsbedürfnis heraus mein Interesse für die Waldorfpädagogik. Hier fand und finde ich Antworten auf wichtige Fragen des Familienlebens und der liebevollen Begleitung eines Kindes.

Mein Mann und ich wünschten uns von Anfang an, dass unser Kind nach der gemeinsamen Zeit zu Hause in einen Waldorfkindergarten kommt. So schloß ich mich im Frühjahr 2005 einer Initiative zur Gründung eines Waldorfkindergartens im Herzen Berlins an, die ein Jahr später den Fliederhof eröffnete. In der gemeisamen Schaffenszeit lernte ich viel über die Waldorfpädagogik, Theoretisches und Praktisches, Spirituelles und im wahrsten Sinne des Wortes Be-greifbares. So genoss ich besonders die Stunden im Bastelkreis, wo wir Eltern allerlei Dinge für den Kindergarten herstellten. Diese Zeit war sehr inspirierend für mich, einer Offenbarung gleich, denn hier lernte ich den reichen Schatz der Möglichkeiten für handgemachte Spielsachen kennen. Ich begegnete zum ersten Mal dem Buch “Spielzeug von Eltern selbst gemacht”, das bis heute eines meiner liebsten Bücher ist, weil es mir eine neue Welt eröffnete. Ich erinnere mich gut an die vielen Nachmittage im Garten unserer Gastgeberin, an denen wir werkelten und bastelten. Einige Frauen arbeiteten an Waldorfpuppen. Ich beobachtete die vielen, vielen Arbeitsschritte, die es allein für einen Puppenkopf brauchte, und hatte großen Respekt vor dieser aufwendigen Arbeit. Ich selbst hielt mich an gestrickte Tiere und Schneckenbänder, während ich mit wachsendem Interesse den Fortschritt der Puppen begleitete. Selbst eine solche Puppe herzustellen, traute ich mir noch nicht zu.

Figur von Tuija Leinonen

In diesem Sommer freundete ich mich mit einer jungen Mama an, mit der ich einige Monate später meine erste Puppe nähen würde. Wie ich hatte auch Annika durch ihr Muttersein zur Handarbeit gefunden. Es war das erste Mal, dass ich eine Freundin hatte, mit der ich meine Leidenschaft für das Handwerk teilte. Und so trafen wir uns gegen Ende des Jahres für ein paar Abende, um für unsere Töchter Puppen für Weihnachten zu nähen. Unser erster Puppennähabend war der erste, den ich seit der Geburt allein auswärts verbrachte. Annika hatte ein unerschütterliches Vertrauen in unsere Hände, was mich sehr ermutigte, und so entstanden mit Hilfe des Buches “Die Waldorfpuppe” unsere ersten Puppen. Ich taufte die Puppe auf “Tilda”, den Namen von Annikas Katze, die uns während der Arbeit Gesellschaft geleistet hatte. So glücklich und zufrieden ich mit meinem Werk war, so war ich zu dieser Zeit auch sicher, dass Tilda meine einzige selbst gemachte Puppe bleiben würde. Die Arbeit ging mir nicht leicht von der Hand und ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich Freude am Schaffensprozess einer Puppe für ein anderes Kind als mein eigenes haben würde.

Figur von Johanna Ahtinen

Ein halbes Jahr später, Tilda war inzwischen ein liebgewonnenes Mitglied unserer Familie, kam meine Tochter in den Kindergarten. Für mich begann eine neue Zeit. Ich beschäftigte ich mich mit meinem Einstieg in das Arbeitsleben. Nach reiflicher Überlegung wusste ich, dass ich nicht in dem von mir studierten Bereich arbeiten, sondern die Wendekraft der vergangenen beiden Jahre nutzen wollte, um mich beruflich neu zu orientieren. Das war die Zeit der Post aus anderen Ländern, in der ich viel ausprobierte, mit künstlerischen Techniken und Medien experimentierte und mich in der Begegnung mit spirituell-kreativen Frauen selbst entdeckte. Es war, als hätte ich meinen Rudel, meinen Clan, meine Schwestern gefunden. Ich bekam eine Ahnung von den vielen Möglichkeiten und Wegen, die ich selbst bestimmt gehen kann, wenn ich eine Vision für mein Leben habe. Ich war in Aufbrauchsstimmung und verspürte zum ersten Mal den Wunsch, meinen Platz in der Gemeinschaft authentisch einzunehmen und dabei in Freude zu leben. In dieser Zeit reiften mein Selbstvertrauen und das Vertrauen in meinen eigenen Weg, bis ich eines Tages wußte, dass ich professionell mit meinen Händen arbeiten und davon leben wollte. Die Entscheidung für die berufliche Handarbeit traf ich im Oktober 2007. Wie genau ich die Welt mit meinen Händen bereichern wollte, wußte ich damals noch nicht. Aber mir wurden Zeichen geschickt.

Meine Herbstfee für Diana

Ich war Mitglied einer Gruppe von Frauen, die Kunst- und Handwerkstausche organisierte. Im Rahmen dieser Tausche machten mir die Projekte am meisten Freude, die etwas mit Puppen und Figuren zu tun hatten. Ich lernte zwei finnische Künstlerinnen kennen, Tuija Leinonen und Johanna Ahtinen, die wundervolle, beseelte Puppen herstellten. Von beiden erhielt ich im Laufe der Zeit Figuren, die mir das Herz öffneten und mich tief im Inneren anrührten. Wenn ich die Puppen ansah, spürte ich einen Ruf, wie einen Wegweiser in meine Seelenheimat. Die Puppen und die Künstlerinnen, die sie erschufen, weckten mein Interesse an der Naturspiritualität, in der ein ganz alter Teil meiner Seele zu Hause ist. Bis heute ist meine Arbeit inspiriert und gesegnet von den Entdeckungen, die ich damals machte. Und so sind mir die Puppen im Laufe der Zeit heilig geworden, weil sie mir den Weg in mein eigenes Puppenhandwerk öffneten.

Aber ich erhielt nicht nur Puppen, sondern probierte mich auch selbst im figürlichen Gestalten aus. Schnell wurde mir bewusst, dass mir das Puppenmachen von allen kreativen Handarbeiten, die ich bisher ausprobierte hatte, am meisten Freude machte. Es entstanden magische kleine Püppchen für den Altar oder Jahreszeitentisch, Zauberwesen, inspiriert von den alten Mythen und Sagen, die mich in dieser Zeit beschäftigten. Ich war immer noch weit davon entfernt, wieder eine Waldorfpuppe herzustellen.

Bis ich mit einer Mutter aus unserem Kindergarten ins Gespräch kam und sie mich spontan bat, eine Puppe für ihren Sohn herzustellen. Ich sagte zu. Obwohl ich mich noch allzugut an den Entstehungsprozess meiner ersten Waldorfpuppe erinnerte, nach dem ich keine weitere mehr nähen wollte. Zu meiner Überraschung ging mir die Arbeit doch gut von der Hand und es entstand eine schöne Puppe, meine erste verkaufte Puppe. Ein paar Wochen später, es war kurz vor Weihnachten, fragte mich eine gute Freundin, ob ich auch für ihre Tochter eine Puppe nähen würde. Ich erfüllte ihren Wunsch. Noch war es ein Gefallen, den ich einer Freundin tat, denn die Entscheidung, diese Arbeit professionell auszuüben, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht getroffen.

Figur von Tuija Leinonen

Rückblickend sehe ich diese Zeit im Licht der Begegnung mit der Schmetterlingsfrau, jener Frau, welche die weibliche Fruchtbarkeit symbolisiert. Sie trägt den Blütenstaub von einem Ort zum anderen, um zu befruchten und neues Leben entstehen zu lassen. Sie ist das Zentrum, das alle Gegensätze vereint. Sie nimmt ein wenig von hier, um es dort hinzuzufügen. Sie initiiert und begleitet Wandlung und Entwicklung und ist auf diese Weise befruchtend an der menschlichen Seele tätig. Ihre spielerische Leichtigkeit zeigt uns, wie einfach es sein kann, Dinge zu verändern, und wie natürlich und selbstverständlich Veränderungen, Wandlungen geschehen, wenn wir es erlauben, dass unsere Geisteskräfte und unsere Seelenenergie sich gegenseitig inspirieren. So entsteht aus unseren Herzen heraus etwas Neues.

Figur von Johanna Ahtinen

Das Wort “Puppe” ist eine magische Zauberformel für mich, der Schlüssel zum Verständnis des Geheimnisses der Puppen. Und dies ist Geschenk meiner Begegnung mit der Schmetterlingsfrau. Wenn ich eine Puppe nähe, so weiß ich auch immer um das Wandlungspotential, das in ihr steckt. Aus jeder Puppe entschlüpft immer auch ein Schmetterling, wenn sie von den Menschen beseelt und ihr Leben geschenkt wird. Das Wissen um diesen heilsamen und freudebringenden Wandlungsprozess, in dessen Bewusstsein ich jede Puppen nähe, macht meine Arbeit so unendlich wertvoll und sinnstiftend für mich. Ich bin dankbar für die Gabe, Puppen mit diesen innewohnenden Lichtsamen nähen zu können.

So weit für heute. Bald erzähle ich von meiner Entscheidung für die berufliche Puppenmacherei und meinen ersten Erfahrungen auf diesem Weg. Wer noch einmal zurücklesen möchte, findet hier und hier Berichte von meiner Reise.

Ich grüße euch von Herzen,

eure Maria


Rechts
     
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