18. März 2015

Du bist schön!

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Jedes Jahr veranstaltet die evangelische Kirche eine besondere Fastenaktion, auf die ich mich immer schon Wochen vorher freue. Das Motto für 2015 ist „Du bist schön!“. Dabei geht es weniger um den Verzicht auf Schokolade, sondern mehr um eine Einladung zum Fasten im Kopf. Wer mag, nutzt dazu den wunderschön gestalteten Tagestischkalender als Begleiter. Der gibt zwischen Aschermittwoch und Ostern jeden Tag kleine Impulse, die Routine des Alltags zu hinterfragen, neue Perspektiven einzunehmen und zu entdecken, worauf es ankommt im Leben.

Sieben Wochen ohne Runtermachen, so lautet der Untertitel der Aktion. Es geht um ein Ja aus vollem Herzen, zu den Menschen an unserer Seite wie auch zu uns selbst. Darum, innezuhalten und stehen zu lassen, was steht, und es nicht gleich wieder einreißen zu müssen. Darum, schön zu nennen, was schön ist, und nicht sofort nach Makeln zu suchen. Das ist ziemlich schwer, vor allem, wenn es um uns selbst geht. Meist sind wir selbst unsere allergrößten Kritiker und oft richtig gut im Runtermachen der eigenen Größe. Bei mir ist das jedenfalls so.

Dabei ist das, was wir ins Herz schließen, meistens gar nicht das Perfekte und Optimierte, sondern vielmehr das Eigenwillige und Besondere. „Du bist schön!“ lädt dazu ein, den Blickwinkel zu ändern und Schönheit dort zu suchen, zu würdigen und zu feiern, wo wir sie oft übersehen, nämlich in den Abweichungen, im Schrägen und Ungewöhnlichen, in der Ungleichheit und der Disharmonie, in Brüchen und Widersprüchen, in den Unterschieden und der Andersartigkeit, in der Unstimmigkeit und der Unvollkommenheit, im Fremden und im Unscheinbaren. Der Dichter Christian Morgenstern hat einmal gesagt: „Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet.“ Was für ein Satz! Er bringt uns alle zum Leuchten und heißt uns mit unserer Einzigartigkeit Willkommen im Leben.

„Du bist schön!“ – Wann habe ich das eigentlich zum letzten Mal zu meinen Puppen gesagt? Die Fastenaktion der evangelischen Kirche nehme ich auch zum Anlass, einen liebevollen Blick auf Mariengold zu richten. Was mir dabei hilft: Keine Blogs von anderen Puppenmacherinnen mehr zu lesen. Genau hinzuhören (und zu genießen!), wenn andere meine Arbeit loben oder konstruktiv kritisieren. Offenheit und Austausch. Mit liebevollen Augen zu schauen. Das Herz führen zu lassen.

Die letzten beiden Jahre waren nicht leicht für Mariengold. Ich war verunsichert von den Entwicklungen in der Welt der Puppenmacherei, fand es zunehmend schwer, mit meinen Puppen und meinem Label einer klaren Linie zu folgen, fragte mich ständig, was ich eigentlich möchte und wie ich wirklich arbeiten will, das war zermürbend. Dahinter steckte ein Mangel an Wertschätzung und Vertrauen.

Seit Beginn des Jahres kehrt langsam Ruhe ein. Das gute Gefühl und der liebevolle Blick kommen zurück. Sie werden genährt von schönen Erlebnissen und berührenden Begegnungen, von Stille und Achtsamkeit in meinem Atelier, von positiven Gedanken und Entdeckergeist, die mich allesamt die Essenz meiner Arbeit wieder spüren lassen und die Lust am Gestalten wachgekitzelt haben.

Ich sehe die Schönheit meiner Puppen. Ich sehe sie gerade in ihrer Schlichtheit und Unvollkommenheit. Ich sehe die gute Absicht, mit der ich sie nähe, und die Kinder, für die ich sie herstelle. Ich sehe, was ich richtig gut kann (und was überhaupt nicht), was mir Spaß macht (und was weniger). Ich sehe das Gold und die Maria in Mariengold, die Originalität (im wahrsten Sinne des Wortes) und die Möglichkeiten – wie wunderbar. Daraus gestaltet sich ein Weg, immer wieder neu, den zu gehen mir eine große Freude ist.

„Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet.“

in: Einblicke und Ausblicke