30. Juni 2011

Mina


14. Juni 2011

Ruthi mit Näschen

In den letzten Jahren habe ich meine Puppen meist ohne Näschen gestaltet. Zu Beginn meiner Puppenmacherei war das keine bewusste Entscheidung, über die ich viel nachgedacht habe, sondern ich bin einfach meinem Schönheitssinn gefolgt. Mit der Zeit und mit den Erfahrungen mit den Puppen meiner Tochter und denen, die zur Reparatur in meiner Werkstatt kamen, habe ich festgestellt, dass Näschen sehr sensible kleine Körperteile sind.

Sie stehen ja je nach Größe und Form mehr oder weniger vom Puppenkopf ab. Der übergezogene Stoff wird im täglichen Spiel stark beansprucht. Er reibt sich langsam ab, wird erst grau und schmutzig, je nach Qualität des Puppentrikots früher oder später immer dünner und schließlich kann er sogar Löcher bekommen. Dann blitzen der unterliegende Mullschlauch oder gar die Stopfwolle hervor. Zudem können ausgehend von diesen Nasenlöchern Laufmaschen entstehen, die sich über das Gesicht ziehen. Ich hatte schon viele wunderschöne, zerliebte Puppen zur Reparatur in meiner Werkstatt, die mich vor große Herausforderungen gestellt haben.

Es lassen sich ja glücklicherweise fast immer Lösungen finden. Ein schmutziges Näschen kann gewaschen werde. Jedes Löchlein kann gestopft werden. Solche Reparaturen, seien sie noch so umfangreich und in die ursprüngliche Form eingreifend, tun der Liebe der Kinder zu ihren Puppen keinen Abbruch. Und so ist schon so manche Puppe zu einem zweiten oder dritten Leben gekommen und wieder liebevoll von ihrem Kind in die Arme geschlossen wurden.

Keine Puppennasen zu gestalten kann neben den praktischen Gründen auch konzeptionelle und ästhetische haben. So gibt es vor allem in waldorforientierten Kreisen die Ansicht, dass ein Puppengesicht so einfach und neutral wie möglich sein sollte, damit die Kinder einen großen Spiel- und Interpretationsraum haben. Da heißt es, Kinder brauchen keine Puppennasen, denn mit ihrer Phantasie ergänzen sie das fehlende Körperteil.

Nicht zuletzt entscheidet jede Puppenmacherin wohl aber vor allem nach Geschick und Schönheitssinn für sich selbst, ob sie ihren Puppen Nasen geben möchte oder nicht. So kann die Puppennase auch zu einem entscheidenden und typischen Gestaltungsmerkmal einer Puppenmacherin werden wie etwa bei Laura von 1000Rehe, deren Puppennasen sehr tief sitzen, oder bei Juliane von Fröken Skicklig, deren Nasen wiederum sehr hoch sitzen. Auch eine fehlende Nase kann ein Wiedererkennungsmerkmal sein.

Was Mariengold angeht, so sehe ich mein Puppengestaltungskonzept als fließend und offen an. Ich höre meinen Kunden gut zu, wäge bei Bedarf mit ihnen die Vor- und Nachteile von ergänzenden Körperteilen wie Nase, Bauchnabel, Brustknospen, Ohren, Po und Geschlechtsmerkmalen ab und probiere mit ihnen und für sie gern etwas Neues aus. Das Näschen von Ruthi finde ich ganz bezaubernd und vielleicht werde ich noch mehr Puppen mit Näschen versehen, nicht nur auf Kundenwunsch. Ich habe schon oft die Erfahrung gemacht, wie wichtig es ist, die eingetretenen Wege einmal zu verlassen und neue Möglichkeiten zu erforschen, um später möglicherweise wieder zur ursprünglichen Gestaltungsform zurückzufinden oder auch nicht. So bleibe ich in Bewegung und in der Entwicklung. Jede Puppe ist eine Momentaufnahme meines Könnens und Schönheitssinnes. Wohin die Reise geht, weiß ich nicht. Und das macht sie auch so spannend.