21. Juli 2010

Puppennähen im Erdbeerfeld

Vergangenes Jahr habe ich zum ersten Mal die schöne Erfahrung gemacht, einen Kreativ-Urlaub zu verbringen, in dem ich mit einem guten Abstand zu meinem Alltag Neues für meine Arbeit als Puppenmacherin lernte und in Verbindung kam mit vielen anregenden, handwerkenden Menschen. Während meine Reise im letzten Jahr mich nach Warmsen auf den Hof Lebherz führte, einer Weiterbildungsstätte für Puppenspieler, ging es in diesem Jahr viel weiter weg nach Höör in Schweden zu Juliane Strittmatter, die als Fröken Skicklig, als geschicktes Fräulein, einzigartige Puppen mit einer ganz neuen und frischen Erscheinung für Kinder näht und ihr Wissen und ihre Erfahrungen in ihren internationalen Puppennähkursen teilt.

Juliane hat ein Studium in Darstellender Kunst an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin absolviert und lange Zeit als Puppenspielerin, Schauspielerin und Bühnenbildnerin  gearbeitet. Ihre Arbeit als Puppenmacherin ist durchwirkt und inspiriert von ihrem künstlerischen und akademischen Hintergrund und ihrer Zeit auf der Bühne. So näht sie nicht nur in präziser und geschickter Handarbeit und mit reicher Fantasie und Vorstellungskraft ihre Puppen, sondern schreibt auch kleine Geschichten mit rührender Tiefe, die sie im Schaffenprozess inspirieren, die Puppen zu beseelen und zum Leben und zu Charakteren mit Persönlichkeit zu erwecken. Auch folgt Juliane bei ihrer künstlerischen Arbeit einer bis ins Detail durchdachten ästhetischen und funktionalen Konzeption mit dem Anspruch charakterstarke, anregende und stabile Puppen mit Formen, Proportionen und einem Ausdruck zu erschaffen, die nahe an der Lebenswirklichkeit und den Bedürfnissen der Kinder dran sind.

Mich haben von Beginn an die Ganzheitlichkeit ihrer Arbeit und ihr Hintergrund als Puppenspielerin interessiert und fasziniert. Nach einem anderhalbjährigen E-Mail-Austausch und vielen verpassten Möglichkeiten für ein Kennenlernen in Berlin habe ich mir schließlich zu meinem kommenden 30. Geburtstag ein besonderes Herzensgeschenk gemacht und bin Julianes Einladung nach Schweden gefolgt, wo ich vier Tage mit ihr und ihrem Gefährten in ihrem kleinen roten Häuschen mitten auf dem Erdbeerfeld verbracht habe und auch an ihrem Puppennähkurs teilgenommen habe.

Der Puppennähkurs hat mir viel, viel Freude gemacht. An diesen beiden Tagen habe ich völlig von meiner eigenen Tätigkeit als Puppenmacherin losgelassen und mich frei und neugierig an die Arbeit gemacht und eine Puppe unter Julianes Anleitung erschaffen. Ich habe die Zeit sehr genossen, war in Gedanken ganz bei meinen Händen und bin dem Fluss des Kurses gefolgt. Mit ihrem Humor, ihrer zugewandten Art und ihrer Professionalität hat Juliane eine besondere Atmosphäre der Konzentration, Gegenwärtigkeit und gegenseitigen Wertschätzung geschaffen, in der es allen Teilnehmerinnen gut ging und sie sich mit Hingabe und Aufmerksamkeit ganz ihren Puppen widmen konnten. Ich habe natürlich viel Neues gelernt über das Puppennähen, aber auch über das Unterrichten und nehme viele Anregungen, Ideen und Überlegungen mit in meine eigene Arbeit.

Der wichtigste Impuls des Kurses ist für mich jedoch eine neu entdeckte Neugier und Lust, noch bewusster an meine eigene Puppenkonzeption heranzugehen. Juliane hat mich ermutigt und angeregt, aus einem neuen Blickwinkel auf meine Puppen zu schauen, mir immer wieder Fragen zu stellen, mir Gedanken über Spielräume und Möglichkeiten von Ausdruck und Wirkung zu machen, mutiger im Ausprobieren und Experimentieren zu werden, eingeschliffene Fertigungsweisen auch einmal in Frage zu stellen und nach neuen und frischen Wegen zu suchen, mich von Leichtigkeit und Heiterkeit tragen zu lassen. Ich habe in Schweden wieder einen Blick für den Prozess, für die Reise bekommen, auf die ich mich mit der Puppenmacherei begeben habe. Es ist eine Reise des Wandels, ein Tanz mit den Möglichkeiten, ein Spiel mit Material und Intuition, handwerklichem Geschick und Schönheitssinn, künstlerischem Ausdruck und persönlichen Anliegen. Ich freue mich sehr, in Juliane eine Wegbegleiterin und Freundin gefunden zu haben, die es mit ihrer Arbeit ebenso ernst meint wie ich, die ihrem Herzen folgt und das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen, Segnungen und Herausforderungen, Lachen und Tränen feiert.

Auch die gemeinsame Zeit mit Juliane außerhalb des Kurses hat mich entspannt, erfüllt, inspiriert und glücklich gemacht. Ich erinnere mich gern an das morgendliche Erdbeerenpflücken in Gummistiefeln, den Genuss von liebevoll improvisierten Abendessen, ganz viel Lachen und schöne Gespräche, Julianes Humor und Darstellungskunst, ihre rührende Gastfreundlichkeit und Offenheit, die erholende Ruhe und bilderbuchschöne Natur auf dem schwedischen Land, die liebevolle Fürsorge von Julianes Freund, Gedankenruhe und Ausatmen, Freude im Hier und Jetzt weit weg von meinem Alltag. Die Reise hat mir gut getan.